Erzählungen

Geisterbeschwörung im Museum

Geschichtsskeptiker berufen sich gern auf Theodor Lessing. Der hat die Formel geprägt von der Geschichtsschreibung als "Sinngebung des Sinnlosen". Was hätte der jüdische Kulturphilosoph wohl erst über Geschichtsmuseen gesagt, wenn es die zu seiner Zeit schon gegeben hätte?

Heute, über 70 Jahre nach dem Tode Lessings, sind jedenfalls solche Häuser in allen großen Städten gang und gäbe. In Berlin steht das größte unter ihnen, was unser Land angeht: das Deutsche Historische Museum, auch DHM genannt. Hier hat nun Hartmut Lange seine "Unheimlichen Begegnungen" angesiedelt, wie er diese Sammlung von sieben Geschichten nennt. Dass er den Ort nicht sonderlich liebt, wird schnell deutlich. Dass er ihn dennoch fasziniert, schält sich nach und nach heraus.

Lange achtet bei seinen mitunter geradezu surrealen Geschichten auf Dinge, die man normalerweise übersehen würde. Zunächst einmal sind das die Menschen, die im DHM beschäftigt sind. Da gibt es die Museumsangestellte, die ihrem Sohn beim Rundgang durchs Haus nachstellt, dabei in ihr unbekannte Gebiete des Gebäudes gelangt - um am Ende regelrecht zu verschwinden. Da gibt es den ehemaligen Stasi-Leutnant, der ein früheres Opfer von ihm wiedertrifft. Er ärgert sich, dass der Mann frohgemut umherspazieren darf, während er sich langweilen muss zwischen öden Exponaten. Da der einst von ihm Drangsalierte immer wieder kommt, lockt er ihn eines Tages in den Keller des Gebäudes und nimmt dort die alten Angewohnheiten auf gruselige Weise wieder auf.

Doch gibt es hier auch Texte, die sich ganz direkt auf die Problematik des Zeigens von Geschichte einlassen. Sie sind womöglich noch gespenstischer. Gemäß der Devise "Die im Dunklen sieht man nicht" bevölkert Lange in Ergänzung zu den repräsentativen Geschichtsobjekten sein DHM mit Geistern, die gewissermaßen die Verliererseite der Historie verkörpern. Da gib es eine Mutter mit todkrankem Kind, die an ihrer Garderobe als junge Frau von 1860 zu erkennen ist. Der Autor schildert sie, wie sie im Haus herumirrt und den Himmel sucht. Oder nehmen wir die Damen Klara und Johanna aus Linz, von denen sich herausstellt, dass sie die Revenants der Mutter und der Tante Adolf Hitlers sind, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg starben. Sie fahnden hier nach dem Großverbrecher. Ein Angestellter des Museums versucht den Orientierungslosen klarzumachen, dass sie lieber die Finger von ihm lassen sollten. Darauf die empörte Tante Hitlers: "Wir wissen nicht, wovon Sie reden, Adolf wollte, das kann ich bezeugen, nichts als Maler werden. Und was kann man jemandem, der Maler werden will, letzten Endes vorwerfen."

Auf diese Weise entwirft der Erzähler ein reizvolles narratives Arrangement mit den verspielten Möglichkeiten, den übergangenen Figuren der Geschichte. Er lässt dabei keinen Zweifel daran, dass es in seinen Augen nicht jener "Plunder" ist, der im DHM ausgestellt wird, welcher auf die überwachsenen Pfade des Vergangenen zurückführt, sondern das Imaginierte, Herbeizitierte, auch Erträumte. Selbst wenn man Langes Geschichtsbild nicht teilen mag, muss man gestehen: Seine Erzählungen entfalten einen subtilen Sog, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Die fließenden Übergänge ins Fantastische veranschaulichen sinnfällig, wie schwankend ist, was wir für verbürgte Wirklichkeit zu halten geneigt sind - im Heute wie im Damals.

Hartmut Lange : Im Museum. Diogenes, Zürich. 144 Seiten, 18,90 Euro.