Jüdisches Filmfestival

"Es gibt gewisse Ressentiments gegen uns"

Das Jüdische Filmfestival startet gewöhnlich in Berlin und zieht dann nach Potsdam. In diesem Jahr ist es einmal umgekehrt. Zwei Wochen lang nimmt das Filmfest seine Gäste auf eine Reise in die jüdische Identität und Geschichte. Peter Zander hat mit der Festivalleiterin Nicola Galliner gesprochen.

Berliner Morgenpost: In diesem Jahr ist alles anders. Nach 16 Jahren heißt das Jewish Film Festival plötzlich Jüdisches Filmfestival. Warum diese späte Eindeutschung?

Nicola Galliner: Ich lebe seit 1970 hier, aber erst in diesem Jahr habe ich mir einen deutschen Pass besorgt. Da dachte ich, das Festival wird nächstes Jahr 18, also volljährig, da wäre es auch mal an der Zeit. Und es ist auch so: Viele haben den Titel einfach nicht verstanden, die dachten, das sei ein englischsprachiges Festival. Der Name hat natürlich einen Grund, es gibt weltweit einen Verband von 180 Jewish Film Festivals. Nur das in den Niederlanden hat einen eigenen Namen. Und das unsere nun eben auch.

Berliner Morgenpost: Erstmals fängt das Festival nicht mehr in Berlin an, sondern in Potsdam. Ist Berlin nicht mehr attraktiv genug?

Nicola Galliner: Das hat mehr damit zu tun, dass Potsdam 100 Jahre Medienstadt feiert. Da dachten wir, drehen wir's diesmal um. Wir zeigen erst Filme im Filmmuseum Potsdam, dann gibt es eine wunderbare Gala im Hans Otto Theater, das ist ja fast schon Wannsee und der Übergang nach Berlin. Das ist jetzt das neunte Mal, dass wir das Festival in beiden Städten veranstalten.

Berliner Morgenpost: Gibt es eine Statistik, ob das Festival in Berlin oder Potsdam besser ankommt?

Nicola Galliner: Nein. Aber es gibt eine, dass es insgesamt besser angenommen wird. In den ersten Jahren kamen nur wenig Besucher. Jetzt ist es richtig gut besucht. Man kennt das Festival inzwischen, es hat sich im Kinokalender einen festen Platz erobert.

Berliner Morgenpost: Sie starten in Potsdam mit "Im Himmel, unter der Erde", die schöne Doku über den jüdischen Friedhof Weißensee. Aber der läuft doch längst im Kino?

Nicola Galliner: In Potsdam ist er noch nicht gestartet, da ist unsere Vorführung Premiere. Und es ist einfach ein idealer Eröffnungsfilm.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihr persönlicher Lieblingsfilm in diesem Jahr?

Nicola Galliner: Oje, das ist ganz schwer. Das ist ein so starkes Jahr. Darf ich zwei nennen?

Berliner Morgenpost: Bitte sehr.

Nicola Galliner: Die beiden britischen Beiträge übertreffen alles in diesem Jahr. "Wagner & Me", in dem Stephen Fry nach Bayreuth reist und erklärt, warum er als Jude trotzdem die Musik von Wagner so liebt. Und "The Infidel" über einen gläubigen Moslem, der plötzlich erkennt, dass er jüdisch geboren ist. Dieser Film kommt im Juli in die deutschen Kinos, und wir hoffen, dass wir es für "Wagner & Me" schaffen, durch unsere Vorführung auch das deutsche Fernsehen zu begeistern. Der Film muss unbedingt vom deutschen Publikum gesehen werden. Das ist ja auch ein Ansinnen unseres Festivals: Filme bekannt zu machen und zu einem Verleih zu verhelfen. Das gelingt uns nicht immer, aber immer öfter.

Berliner Morgenpost: Wird Stephen Fry zum Festival kommen?

Nicola Galliner: Leider nein. Der Regisseur wird kommen, aber Fry hat einfach keine Termine frei. Wir haben auch Daniel Barenboim angefragt, der sich ja auch sehr für Wagners Musik einsetzt. Aber der hat an dem Abend ein Konzert. Dafür wird der Boxer Merhav Mohar für die Dokumentation "My Champion" kommen und Dan Wolman, einer der derzeit spannendsten israelischen Filmemacher, der gleich zwei Filme zeigt. Auch das ist einer unserer Ansprüche: Jüdische Filmemacher nach Berlin zu bringen.

Berliner Morgenpost: Das ist nicht immer leicht?

Nicola Galliner: Es gibt noch viele, die sagen, niemals gehe ich nach Deutschland. Wir haben aber schon viele überreden können - und manche kommen seither gern hierher.

Berliner Morgenpost: Was ist denn überhaupt ein jüdischer Film?

Nicola Galliner: Eine sehr schwierige Frage. Wir hatten zu unserem Zehnjährigen eine Festschrift und dafür 20 Filmemacher, Publizisten und Festivalleiter diese Frage gestellt. Und wir bekamen 20 völlig verschiedene Antworten. Es ist nicht leicht zu beantworten; jedes Jewish Film Festival sieht es ein wenig anders. Das hat immer auch mit dem Festivalleiter und dem Publikum vor Ort zu tun. Für mich persönlich gilt: Ich muss etwas wiedererkennen können.

Berliner Morgenpost: Gibt es innerhalb des Verbundes jüdischer Filmfestivals Filme, die überall laufen?

Nicola Galliner: Jedes Festival hat natürlich sein eigenes Profil. Aber es gibt Filme, die auf jedem Festival laufen. Nehmen Sie die TV-Serie "Arab Labour" über eine israelisch-arabische Familie. Die erste Staffel lief bei uns 2008 und dann auf ganz vielen, wenn nicht allen Jewish Film Festivals. Jeder hat verstanden, was man mit der Serie verdeutlichen kann. Wir sind ganz stolz, dass wir jetzt die ersten in Deutschland sind, die di ersten Folgen der zweiten Staffel zeigen.

Berliner Morgenpost: Es gibt aber keine Konkurrenz unter den einzelnen Jewish Film Festivals?

Nicola Galliner: Ganz und gar nicht. Man hilft sich sogar gegenseitig. Keiner meiner Kollegen versteht etwa, warum wir in Berlin solche Dauerprobleme mit der Finanzierung haben. Und als es im letzten Jahr wirklich sehr finster aussah, haben alle ganz spontan einen Hilferuf-Brief unterschrieben.

Berliner Morgenpost: Wie sieht die Finanzierung dieses Jahr aus?

Nicola Galliner: Uns fehlten leider ungefähr 25 000 Euro. Bei einigen Filmen gibt es deshalb nur englische, keine deutschen Untertitel. Und wir haben nur einen Flyer gedruckt und keinen Katalog wie früher. Zur Volljährigkeit im nächsten Jahr würde ich mir eine feste Förderung wünschen - von Berlin und vom Bund, von allen Beteiligten, die mit Kultur und Film zu tun haben. Das Festival ist nicht teuer, das ist keine große Anstrengung. Es wäre einfach eine schöne Anerkennung vonseiten der Zuständigen.

Berliner Morgenpost: Wir hören da eine gewisse Verbitterung in Ihren Worten?

Nicola Galliner: Ich spreche ungern darüber. Aber wir sind das älteste Jewish Film Festival in Europa, und keiner kann so recht verstehen, warum wir kaum Mittel haben. Ich auch nicht. Da scheint es auch gewisse Ressentiments zu geben. Man sagt uns immer wieder: Ihr solltet euch private Sponsoren suchen. Die haben wir sowieso. Aber das hat immer so einen Nebengeschmack, es hört sich immer nach "reiche Juden" an.