Oper

Ein Güterwagen auf der Fahrt ins Nichts

Als Camille Saint-Saens 1921 starb, bereitete ihm das dankbare Frankreich ein Staatsbegräbnis erster Klasse. Es war beim schlechtesten Willen nun wirklich nicht vorauszusehen, dass jetzt ein böser Schreier in Berlins Deutschen Oper seine Meisterwerk "Samson und Dalila" niederpöbeln würde.

Dabei hatte Regisseur Patrick Kinmonth nur versucht, die alte biblische Geschichte mit der französischen der Entstehungszeit des Werkes und dem wahrhaft mörderischen Nachklang in der Nazi-Zeit in Beziehung zu setzen. Die laute Entrüstung brach los, als im 2. Akt Samson sexuell über seine Herausforderin Dalila herzufallen begann. So etwas sieht man annähernd jeden dritten Tag im Kino, ohne dass sich auch nur leisester Widerspruch äußert. Wie es kommt, dass das längst sanktionierte in der Oper einen derartigen Unmut erregt, kann wohl nur unter der Flagge der Verlogenheit segeln: Die Oper hat sich anscheinend immer noch unter urbrüderlicher Prüderie zu ducken.

Sie sollte wirklich endlich den Mund halten, wenn es um Kunst geht, wie sie die Deutsche Oper aus eigener künstlerischer Kraft auftischt. Denn sie hat diese Aufführung nicht etwa fix und fertig in Genf eingekauft, sondern sie selbstständig, aus eigener Kraft erarbeitet. Sie ist Alain Altinoglu, dem französischen Dirigenten, zu danken. Außerdem Patrick Kinmonth, dem englische Regisseur und Ausstatter, die alle vom Orchester und den hervorragend von William Spaulding studierten Chören glänzend unterstützt werden.

Es ist äußerst finessenreich, wie Altinoglu den 1. Akt aufklingen lässt. Er ertönt wie reine Kirchenmusik, eine bezwingende, vorsichtig sich äußernde Litanei. Das Ungewöhnliche nur: sie ertönt auf einem mit Schienen ausgelegten wüsten Bahnhofsgelände. Dort, mitten auf den Gleisen wird feierlich die Festtafel errichtet, an der sich die Juden zusammenfinden und um Glück und Fortbestand beten, beides von den feindlichen Philistern zutiefst bedroht. Auf diesem einsamen Gleis im ruppigen Nichts rollt alsbald der üppige Waggon Dalilas ein und macht sich glänzend breit in der ihn umgebenden Armseligkeit. Zwei unvereinbare Welten stoßen deutlich aufeinander: Luxus und Pauvreté, Unterdrückung und Ausbeutung, Sieger und Besiegte. Ein Ewigkeitsbild! Es hinterlässt, auch musikalisch, tiefsten Eindruck.

Altinoglu dirigiert es mit einer Aufrichtigkeit, die zu rühren versteht. Er vermeidet jede Interessantmacherei. Natürlich sind auch schon, wie es sich gehört, Samson und Dalila dabei. Ihre vokalen Triumphszenen finden sich aber erst im nächsten Akt und bedauerlicherweise zünden sie nicht, wie sie sollten, obwohl Vesselina Kasarova und José Cura singen, die doch beide gerade in diese Rollen hineingeboren zu sein scheinen.

Dennoch: der Trumpf der Aufführung (an der auch noch Laurent Naouri als Oberpriester seinen Anteil hat) liegt ausnahmsweise nicht ausschließlich auf der Musik. Was sie so fesselnd macht, ist Kinmonth' Handlungsführung. Sie wuchtet sich zu immer neuen erschütternden Höhepunkten hinauf. Er spielt im Festsaal der Philister, abgegrenzt vom Zuschauerraum durch eine lange, weiß gedeckte, mit Leckereien bestückten Tafel. In ihrer Mitte windet sich hilflos der entmachtete Samson. Hinter der Tafel aber entfaltet sich in den feinsten Ballkostümen, im Frack, das ausgelassene Siegesfest.

Reißt Samson nun etwa, wie man denken könnte und sollte, die nicht vorhandenen Stützpfeiler und Säulen des Festsaals ein? Nein, es kommt weit schlimmer. Zur Seite des Saals kommt auf dem anscheinend verlassenen Gleis der vermaledeite Güterwagen mit seiner weit geöffneten, gierigen Schiebetür. Die Festgäste entledigen sich ihrer Kostümpracht, die Fräcke fallen zu Boden. Ein neues Stück beginnt: Es scheint Auschwitz zu heißen.

Deutsche Oper , Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Nächste Aufführungen: 19., 21., 26., 29.5. Tel. 2060 92630.