Oper

"Bravo Stühle": Ein Walzer durch die Abgründe der Antike

Nach vier Stunden brach ein eigentlich ziemlich unerwarteter Schlussjubel los, der diesen "Idomeneo" in der Komischen Oper geradezu überschüttete. Reihenweise zogen die Mitwirkenden an die Rampe, sich ihr Teilchen des Beifalls nicht entgehen zu lassen, obwohl man sie im Verlauf der Aufführung kaum wahrgenommen hatte.

Nur den unübersehbaren Hauptdarstellern, der Hundertschaft leerer Stühle, die von Beginn an die nackte Bühne bevölkert hatte, wurde ziemlich unfairerweise kein Extra-Vorhang zuteil. Hier also nachträglich und lauthals: "Bravo, Stühle"!

Mozarts "Idomeneo" stand trotz seines musikalischen Reichtums und seiner melodischen Herrlichkeit im Grunde immer im Abseits des Repertoires. Man muss sich nur einmal überlegen, wie oft man im Verlauf der Jahrzehnte "Die "Zauberflöte" oder den "Figaro" sah, um festzustellen, dass man "Idomeneo" scheinbar ausgiebig überhört hatte.

Das hatte natürlich einen doppelten Grund: die Oper war musikalisch zuhöchst anspruchsvoll, dankbar dagegen war sie eigentlich nicht. Man drängte ihr nicht zu. Sie eignete sich halt nicht zum Mitsingen. Dabei war "Idomeneo" schon Mozarts 13. Oper. Die Dreizehn war bekanntlich aber noch nie eine Glückszahl gewesen, zumindest hatte sie in dieser Beziehung noch nie Karriere gemacht.

Nie ohne königliche Würde

"Idomeneo" bot große Rollen, die aber waren seit eh und je schwer zu besetzen. Es ist schon ein Glücksfall, dass dies der Komischen Oper mehr als nur hinreichend gelang. In der Titelpartie tritt der schlanke, hochgewachsene Rainer Trost an die Rampe, ein Mozart-Tenor von feinstem Kaliber. Im Vorjahr bei den Festspielen von Edinburgh hatte ihn überdies Sir Charles Mackerras musikalisch in die herausfordernde Rolle eingeführt. Das zahlt sich nun glänzend aus. Trost besitzt königliche Würde in all seinem Elend, das er fahrlässigerweise selber heraufbeschworen hat.

Auf der Kreuzfahrt von Troja in die kretische Heimat war sein Schiff in einen böswillig wütenden Sturm geraten, vom Wettergott vorsätzlich angefacht, um die Griechen zu strafen. Um seine Landsmänner (und sich selbst) zu retten, verschwor sich Idomeneo, dem Gott den ersten Menschen, den er nach der Rettung begrüßen dürfte, hinzuschlachten und Poseidon zum Opfer zu bringen.

Unseligerweise war dieser ahnungslos dem Tode verfallene Unglücksrabe Idamante, Idomeneos Thronerbe und eigener Sohn. Die fleißige Regie hat ihm außerdem noch eine Frau und einen kleinen Sohn angedichtet, der hingebungsvoll und unaufhörlich auf dem ganz und gar Trockenen mit seinem Segelboot spielt.

Einstweilen aber ist die vom Regisseur zur besseren Komplikation zusätzlich erfundene Mutter des Knaben die gefangene Trojanerin Ilia. Brigitte Geller singt sie und ihre wundervoll ausgreifenden lyrischen Arien allerdings mit wachsender Strenge der Tongebung, die ihrem Vortrag, vor allem im letzten Akt, die anfängliche Singschönheit allmählich raubt.

Dabei hat sie in Karolina Gumos, in den Hosen des immer aufs Neue vom Geschehen um sich her irritierten Idamantes, des Königssohns, ihres Liebhabers, nicht einzig musikalisch starken Rückhalt. Frau Gumos singt ihre Rolle mit schlanker Männlichkeit, ohne je die Schönheit ihrer Stimme zu verfälschen. Sie zählt zu den Trümpfen der Aufführung. Das As ist aber fraglos Erika Roos als Elektra, die immerfort im Hintergrund der nackten Bühne lauert; bereit, je nachdem aus Lust und Liebe oder Hass stimmlich einzugreifen und die Kolleginnen und Rivalinnen geradezu flach zu singen mit ihrer ausdrucksstarken, wuchtigen Stimme, die alles unter sich zu begraben versteht, was sich ihr stimmlich entgegenstellt.

Sie schmettert die Singtrümpfe der Aufführung unwiderstehlich heraus und landet zu schlechter letzt Hals über Kopf auch noch im Wassertümpel, durch den die armen Kretenser, ob barfuss oder nicht, immer wieder zu waten haben. Hoffentlich war wenigstens das Wasser ebenso lau wie das Orchesterspiel, zu dem Patrick Lange seine Musiker aufrief. Es wurde nie recht deutlich, ob Lange Mozarts Werk nicht vielleicht doch am liebsten der Alten Musik eingliedern würde, obwohl sie der mit all ihrer Energie deutlich immerfort widerspricht.

Im dritten Akt verwandelt sich alles

Gerade diese Unentschiedenheit, die mangelnde Attacke aus dem Orchestergraben, waren die ersten Akte vergleichsweise mühsam, lang und sogar einschläfernd. Die Bühne trägt wenig dazu bei, die anfängliche Tranigkeit der Inszenierung ins Mitreißende zu verwandeln, wie es nach der Pause im 3. Akt plötzlich geschieht.

Das Spannendste an der Inszenierung hat die Bühnenbildnerin Annette Kurz beigesteuert. Über der nackten, nach hinten steilkurvig ansteigenden Bühne hat sie einen riesigen Spiegel installiert, die dem Geschehen (oder auch Nichtgeschehen) eine gewisse Aura des Geheimnisvollen verpasst, das man immerfort unermüdlich zu entschlüsseln versucht. Bald tanzen die unsäglichen Stühle, jedermann an die Brust gedrückt, eine Art Walzer auf den Bühnenbrettern. Gleich darauf werden sie wutentbrannt in die Ecke gefeuert.

Bald kommt das immer erneut aufgescheuchte Volk auf ihnen gelegentlich zur Ruhe, um sich die Kapuzen ihrer Jacken und Mäntelchen über den Kopf zu streifen und aus dieser wiederkehrenden Geste so etwas wie ein Signum der ganzen Inszenierung zu machen: Sie sieht sich gezwungen immer wieder ihr Haupt zu verhüllen. Jammerschade! Es gibt dafür im Grunde an diesem Abend nur einen Trost. Und der heißt glücklicherweise Rainer mit Vornamen.

Komische Oper , Behrenstr. 55-57, Mitte. Vorstellungen: 20., 29.5. Tel. 4799 7400

Idomeneo ++++-

"Idomeneo" stand trotz seines großen musikalischen Reichtums immer im Abseits des Repertoires.