Kinostarts

Meerjungfrauen am Rande des Horrors

Der Raum, wo sich im Festivalpalast von Cannes die Stars den Fragen der Journalisten stellen, fasst - wenn es hoch kommt - 200 Menschen. Als sich dort Johnny Depp, Penélope Cruz und die anderen Piraten der Karibik nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen die Häscher der englischen Krone einfanden, wurde der Pressekonferenzsaal von wohl weiteren 200 Medienvertretern in der vergeblichen Hoffnung auf Einlass belagert.

Zur gleichen Zeit versammelten sich anderswo im Palast - eine Rolltreppe herunter, dann zweimal links durch eine Türe - im Debussy-Kino immerhin rund tausend Menschen, um Zeuge eines ganz anderen, vergeblichen Kampfes gegen die Staatsmacht zu werden.

Ein Erfolg mit 2,7 Milliarden Dollar

Mit den "Piraten" (Teil vier) eröffnet Hollywood dieses Jahr seine Sommer-Blockbustersaison, und weil die Buchhaltung eindeutige Zahlen lieferte - von den 2,7 Milliarden Dollar, die die Teile eins bis drei in die Kasse spülten, wurden zwei Drittel jenseits Nordamerikas eingenommen -, war der Hafen von Cannes der ideale Ort für den Stapellauf.

Das Piratenschiff hatte eine Art Generalüberholung nötig. In drei Folgen hatten sich so viele Figuren mit und ohne Bart, so viel geheimnisvolle Karten und Medaillons und so viel schurkische Komplotte angesammelt, dass selbst Johnny Depp beim Filmen mancher Szenen keine Ahnung mehr hatte, worum es eigentlich ging. So gingen die Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio, wie Edmund Stoiber bei der Antibürokratie-Kommission der EU, an die Lichtung des Dickichts.

Anders als in Brüssel sind in der Karibik die Resultate klar festzustellen. Zwei Hauptfiguren, Keira Knightleys Elizabeth und Orlando Blooms Will, wurden ohne Begründung außer Dienst gestellt, Geoffrey Rushs Captain Barossa als Hauptfigur reaktiviert und (ebenfalls erklärungslos) mit einem Holzbein ausgestattet sowie ein Jack Sparrow-Doppelgänger erfunden, der sich schnell als seine alte Hassliebe Angélica (Penélope Cruz) herausstellt.

Die Autoren haben sich erneut eine Menge Ablenkungen ausgedacht, aber zum Verständnis genügt es zu wissen, dass es diesmal um die Suche nach dem Jungbrunnen geht, auf den drei Parteien vorrücken, nämlich auf eigene Rechnung Captain Blackbeard (incl. Sparrow), Captain Barbossa im Namen des englischen Königs und eine Fregatte im Dienste des Königs von Spanien. Dabei geraten sie in dschungelartige Gefilde, und man will sich gar nicht ausmalen, welche Mühen das Dorthinschleppen der schweren 3D-Ausrüstung gekostet haben mag.

Natürlich wird der Jungbrunnen gefunden, und so beschränkt sich die Spannung weitgehend auf die Frage, wer für einen fünften Teil übrigbleibt (obwohl: Barbossa war am Ende von Teil eins auch schon einmal tot). Der Jungbrunnen wird schließlich zerstört, und zu denen, die vorher ein paar Schluck mehr daraus hätten trinken sollen, gehört auch dieser Film.

"Piraten der Karibik 4: Fremde Gezeiten" hat eine wirkliche Innovation zu bieten, ähnlich genresprengend wie die Zombies im ersten Teil, und das sind die Meerjungfrauen. Verführerisch wie die Lorelei - und zerstörerisch wie Piranhas. In den paar Minuten, in denen sie ihr Unwesen treiben dürfen, kippt die gemütliche YoHo-Cartoon-Piratenstimmung in gruseligen Horror.

Ansonsten tut dem vierten Teil die Ablösung von Stammregisseur Gore Verbinski durch Rob Marshall durchaus gut. Verbinski hatte sich zum Schluss in Details verrannt, und mit dem gelernten Choreografen Marshall erinnert sich die Serie wieder daran, wem sie letztlich ihren Erfolg zu verdanken hat: dem tänzelnden Piraten Johnny Depp. Es ist eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen, wie er im Londoner Rush Hour-Verkehr aus Kutschen und Pferdefuhrwerken im Zuge einer Verfolgungsjagd leichtfüßig die Verkehrsmittel wechselt. Depp weiß, was er wert ist, und allein, um seine Gage zu bezahlen, müssen (bei einem Eintrittspreis von zehn Euro) 2,5 Millionen Deutsche ins Kino gehen. Johnny war bei der Pressekonferenz dementsprechend aufgeräumt.

Drei Gehminuten entfernt im gleichen Gebäude standen zu gleicher Zeit ganz andere Künstler auf der Bühne: die Produzentin und die Hauptdarstellerin des Films "Bé omid é didar" (Auf Wiedersehen), sowie die Ehefrau des Regisseurs. Mohammad Rasoulof selbst war nicht anwesend, denn er darf den Iran nicht verlassen, weil er wie sein Kollege Jafar Panahi mit fadenscheinigen Begründungen zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt worden ist.

Rasoulof und Panahi warten seit Monaten auf das Ergebnis ihrer Berufung, und eigentlich würde man ihnen raten, vorläufig den Kopf niedrig zu halten. Doch nun sind beide mit neuen Filmen in Cannes vertreten (Panahi erst am Donnerstag), und Rasoulofs Werk ist eine einzige Anklage gegen die Verhältnisse in seinem Land - unspektakulär, leise und gerade dadurch desto verheerender.

Ein Leben am Rande

Der ständige Begleiter seiner Hauptfigur, einer Menschenrechtsanwältin, ist das Dunkel. Selten haben die Schatten eine Protagonistin im Kino so sehr eingehüllt. Ihr Mann, ein Journalist, ist untergetaucht, und auch sie lebt bereits am Rande des sanktionierten Raumes, im Zwielicht. Auf offiziellem Weg bekommt sie keinen Pass mehr, ohne Mann ist sie den Gängelungen durch die Gesetze der Mullahs ausgesetzt, und die Polizisten, die die Wohnung nach Schriften ihres Mannes durchsuchen, sind ein letztes Warnzeichen. "Wenn man sich in seinem eigenen Land als Fremder fühlt, kann man genauso gut ein Fremder in einem fremden Land sein - aber frei", sagt sie einem der letzten verbliebenen Vertrauten. Es geht in "Auf Wiedersehen", wie in dem Berlinale-Gewinner "Nader und Simin: eine Trennung", um das große Dilemma im krisengeschüttelten Iran, um Bleiben oder Gehen, aber eigentlich ist die Frage bei Rasoulof schon entschieden.