Theatertreffen

Ein schillernder Abend mit Burghart Klaußner

In Spanien leiden die Egos: "Ich brauche Liebe", sagt Don Carlos. "Ich brauche Wahrheit", sagt sein Vater. "Ich kann nicht Fürstendiener sein", deklamiert Kumpel Marquis von Posa. Und diese Ich-Gesellschaft soll ein Land regieren?

Genau darin liegt das Problem und das legt Regisseur Roger Vontobel in seiner für das Staatsschauspiel Dresden entwickelten Inszenierung von Friedrich Schillers "Don Carlos" ebenso elegant wie effizient frei. Am Donnerstag und Freitag stellte er sich damit dem Publikum des Theatertreffens.

Vontobels wichtigste künstlerische Mittel sind dabei handwerkliche Präzision und klare Strukturen. Schiller ohne Schnickschnack. Ist ja auch kompliziert genug, das große Vater-Sohn-Intrigen-Familien-Polit- und Liebesdrama: Kronprinz Don Carlos ist unglücklich verliebt in seine Stiefmutter. Auf Carlos wiederum hat Prinzessin Eboli ein Auge geworfen, was sie aber nicht von einer Affäre mit seinem Vater abhält. Nebenbei kracht's in Flandern und der Marquis von Posa hat sich erstens in den Kopf gesetzt, Don Carlos in seinen Liebesdingen behilflich zu sein und zweitens auch noch, seine revolutionären Theorien der Freiheit bei Hofe einzupflanzen. Es entspinnen sich allerlei Intrigen. Bei diesem Polit- und Eifersuchtsthriller den Überblick zu behalten, erfordert kriminalistisch-kombinatorische Kompetenz.

Das weiß Roger Vontobel und macht es uns leicht. Er verzahnt Text und Spiel zu einem modernen Managerdrama in einer von Macht und Politik geknebelten Gesellschaft. Burghart Klaußners König von Spanien trägt feinen grauen Zwirn, seine Gattin Elisabeth (Sonja Beißwenger) noble Robe aus Designerhänden. Alles Private ist politisch und umgekehrt. Da muss jemand ein Auge drauf haben. Zwischen den dunklen Palastsäulen von Magda Willi wacht ein Bedienstetensextett und notiert jede gefährliche Bemerkung.

Vontobels psychologischer Realismus funktioniert hervorragend im ersten Teil des dreieinhalbstündigen Abends, im zweiten gibt es kleine Ausrutscher ins Plakative, er bleibt aber auf hohem Niveau und das liegt nicht zuletzt an den drei zentralen Männerfiguren. Christian Friedels Don Carlos ist ein zart besaiteter Prinz, ein getriebener Träumer mit heißem Herzen und damit ein guter Antipode zu Matthias Reichwalds selbstbewusstem Strippenzieher Marquis von Posa. Den beiden Jungen wiederum steht Burghart Klaußners König Philipp II. gegenüber, ein Repräsentant und Kommandant der alten Macht, kühl und imposant nach außen. Doch im Innern, das macht Klaußner mit sehr kleinen Gesten sehr groß, zerbröselt dieser Staatsmann jammervoll. Eine klare, schöne Arbeit ist dem Regisseur da gelungen, ein lupenrein schillernder Abend.