Kunst

Der Mann, der die Moderne nach Berlin brachte

Manchmal sind es die Frauen, die ihre Männer am klarsten sehen. "Ich verdanke Paul Cassirer die schönsten und die bittersten Stunden, meine geistige Entwicklung, meine wachsenden Erfolge an der Bühne, eine unendliche innere Bereicherung, aber auch den tiefsten Kummer."

Die Schauspielerin Tilla Durieux schrieb diese Zeilen in Erinnerung an ihren Mann Paul Cassirer, der sich 1925 am Tag ihrer Scheidung das Leben nahm.

Paul Cassirer war Galerist. Doch es dabei zu belassen, griffe zu kurz. Er war die Kohlensäure im Wasser der Berliner Gesellschaft, ein genialer Querkopf und streitbarer Geist. "Zum Sehen geboren", steht auf seinem Grabstein auf dem Berliner Heerstraßen-Friedhof. Das traf es. Sein "Salon" war nicht irgendein Möchtegernpalast des Wilhelminismus, sondern die Schule der Moderne schlechthin. Cassirer verstand es, seine kaufmännischen Talente mit dem Sinn für moderne Kunst zu verbinden. Auf diese Weise gab er ihr eine Stoßkraft, die das Reich bis dahin nicht gekannt hatte. Doch das Gemisch aus Geld und Formgefühl erklärt nicht allein den Erfolg.

Cassirers "dahinschäumendes Temperament" gehörte auch dazu, erklärte Harry Graf Kessler in seiner Totenrede am Grab des Freundes. Kessler hielt Cassirer für einen "Revolutionär": "Die Auflehnung gegen die wilhelminische Kunst war in Wirklichkeit der Anfang der Revolution. Das Brüchige des kaiserlichen Systems ist in der Kunst und der Literatur viel früher gespürt und angegriffen worden als in der Politik. So war es nur natürlich, dass der geborene Revolutionär Paul Cassirer bei dieser Auflehnung eine Führerrolle übernahm."

Buchpremiere in der Villa Grisebach

Der 1871 in Görlitz geborene Frankreichliebhaber Cassirer machte die Deutschen mit Manet, Monet, Degas, Renoir, Cézanne und Van Gogh bekannt. Im selben Moment verschaffte er Liebermann, Leistikow, Slevogt, Kalckreuth, Barlach, Sintenis, Kokoschka und vielen anderen Künstlern eine Bühne, von der sie aus Deutschland eroberten. Heute ist von ihm und seiner Familie, zu der namhafte Philosophen, Historiker und Industrielle gehörten, kaum noch etwas bekannt. Der große "Gemeinheitsrausch" (Alfred Weber), der ab 1933 über Deutschland hinwegfegte, löschte auch die Erinnerung an die jüdische Familie Cassirer. Nur einmal, zu Beginn der Neunzigerjahre, bemühte sich Georg Brühl, uns in einem großartigen Buch die Cassirers ins Gedächtnis zu rufen. Leider mit mäßigen Erfolg. Nun aber schickt sich ein neues Projekt an, das Erbe im allgemeinen Bewusstsein zu verankern. Walter Feilchenfeldt und Bernhard Echte haben sich daran gemacht, eines der lebendigsten Kapitel der deutschen Kulturgeschichte aufzuarbeiten. Die ersten zwei Bände (von vier), die in dieser Woche in der Villa Grisebach vorgestellt wurden, liegen ab 20. Mai im Buchhandel vor.

Wer nun fürchtet, er müsse sich durch ein Werk überschlagender Gescheitheit in gespreizter Wissenschaftssprache schleppen, der sei beruhigt. Flüssig, flott und fundiert erzählen die Herausgeber und Autoren Cassirers Geschichte anhand der Ausstellungen, die er von 1898 bis 1925 organisierte. Gleichzeitig bilden sie die bedeutendsten der rund 20 000 Werke ab, die im Laufe der Jahre in Cassirers "Kunstsalon" hingen. Auf diese Weise gewinnt der Leser einen Eindruck davon, wie der Revolutionär auf den Barrikaden des wilhelminischen Berlins für die große Sache der Moderne stritt. Darüber hinaus wurden alle wichtigen Feuilletons der damaligen Zeit nach Ausstellungsbesprechungen durchsucht, die verdeutlichen, wie Cassirer zunächst Berlin und später das Land in seinen Bann zog.

Am Anfang jedoch stand der Kampf. Zwischen 1890 und 1914 war Wilhelm II. bestrebt, den Untertanen klarzumachen, wie der Pinsel geführt werden muss: "Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr." "Rinnsteinkunst" sollte er später hinzufügen. Das aufstrebende Bürgertum war aber immer weniger bereit, sich wie ein Kleinkind an die Hand des Landesvaters nehmen zu lassen: "Wir haben mit zu zahlen, also auch mit zu reden", schrieb Maximilian Harden in seiner Zeitschrift "Die Zukunft", "und möchten nach der Gedächtniskirche, dem Dom, der Kaiser-Wilhelm-Akademie und dem Reichsmilitärgericht endlich einmal uns eines Gebäudes erfreuen, auf das der Fremde mit Neid, nicht wieder mit höhnischem Blicke schaut."

Cassirer wagte es, Hardens Worte in die Tat umzusetzen. 1898 eröffnete er mit seinem Cousin Bruno in der Victoriastraße 35 - da, wo heute die Philharmonie steht - seinen Kunstsalon. Henry van de Felde hatte ihn entworfen, als Antwort auf den kaiserlichen Geschmack. Während in anderen Galerien Historienschinken neben Hirschgeweihen hingen, legten van de Felde und die Cassirers auf die Kunstwerke Wert. Nie wurden mehr als drei, vier Künstler gezeigt. Außerdem wurden deren Arbeiten stets die Bilder von Malern verschiedener Länder oder Schulen entgegengesetzt: Degas' neben Max Liebermanns, Monets neben Segantinis...

Das Neue reizte. Bald schon lockten Paul und Bruno Cassirer ein zahlungskräftiges Publikum in ihre Galerie. Die Einnahmen halfen den Cousins dabei, ihre Vorstellungen von der Moderne zu verbreiten. 1908 gründete Paul Cassirer die "Pan-Presse", in der er impressionistische und expressionistische Künstler vorstellen und den vermoderten Kunstbegriff des Kaisers attackieren ließ. Seine Vernissagen wurden zum Treffpunkt ganz Berlins. Cassirer verschaffte dem Impressionismus Geltung. Geschickt sandte er ganze Sammlungen an interessierte Kunden überall im Reich, darunter auch an Einrichtungen wie die Berliner Nationalgalerie, das Dresdener Kupferstich-Kabinett und das Frankfurter Städel. So zog der Impressionismus bald in alle großen deutschen Museen ein.

Gewiss hätte er es über kurz oder lang auch ohne den Kunsthändler getan. Mit Cassirer aber fand er einen seiner wortmächtigsten Vertreter. Der Kampf für Monet, Sisley und Pissarro, für Renoir, Daumier und Cézanne war Cassirers Mission. Dass er viel Geld mit ihr verdiente, war eine wohltuende Nebenerscheinung. Er liebte es, auf großem Fuß zu leben. Gern aber gab er es auch denen, die es brauchten. Ernst Barlach erinnert sich: "Wenn Paul Cassirer nicht gekommen wäre, so wäre ich wohl so etwas wie ein 'Simplicissimus'-Zeichner geworden."

Die ersten Bände Bernhard Echte u. Walter Feilchenfeldt: Kunstsalon Bruno & Paul Cassirer. Bd. 1: Ausstellungen 1898-1901. Bd. 2: 1901-1905. Nimbus, Zürich, 1252 S., 1100 Abb., zus. 98 Euro. Ab 20. Mai im Handel.