Kyoto-Tagebuch

Per Achterbahn durch eine zerstörte Stadt

Der Schutzhelm im Schrank, die Taschenlampe neben dem Bett und die erste Regel in diesem Haus: Wenn es bebt, in den Türrahmen stellen. Sollte Gas austreten oder ein Feuer ausbrechen, das Gebäude verlassen und auf die andere Flussseite hinübergehen, wo sich ein Evakuierungszentrum befindet.

Ich hatte noch nie einen Helm im Schlafzimmer stehen und wusste noch in keiner Stadt, wo das nächste Evakuierungszentrum ist.

Eine Mischung aus Neugier und Recherche treibt mich ins hiesige Katastrophenschutzzentrum. Wir beginnen sofort mit dem Erdbeben. Ich soll mich an einen Tisch setzen und wenn es losgeht darunter kriechen. Da hocke ich dann, die Tischbeine festhaltend, bei einem Beben der Stärke 7. Lässt das Beben für einige Sekunden nach, muss ich die Gas- und Stromversorgung ausstellen und die Tür öffnen, bevor ich wieder unter den Tisch krieche und das nächste Beben abwarte. Vor mit leuchtet auf einer Digitalanzeige rot die 7, mir wird langsam ungut.

Einmal ausatmen und direkt zur nächsten Katastrophe, wo ich das Geländer auf keinen Fall loslassen darf. Unter der Schutzbrille tränen mir die Augen, das Gesicht flattert nach hinten weg, ist eigentlich schon kein Gesicht mehr. Rechts neben mir reißt es in einer Projektion die Holzhäuser nieder, links hinter der Scheibe macht meine Dolmetscherin Fotos. Ich stehe in einem Taifun mit der Geschwindigkeit von 32m/s. Sollte sie diese Bilder jemals veröffentlichen, sind wir geschiedene Leute.

Ein Stockwerk höher steige ich mit einer Horde Schulkinder in einen Achterbahnwagen, auf der Leinwand eine 3D-Animation. Es ist eine halsbrecherische Fahrt durch das zerstörte Kyoto. Ich erkenne die Kreuzung wieder, an der jetzt die Straße aufplatzt und Autos auf uns hinabstürzen. Der gesamte Raum scheint zu wackeln, Dachziegel verfehlen uns knapp, kurz ist es still, dann bebt es erneut. Dagegen wirkt der Vorraum mit den Computerspielen entspannt. Statt Waffen hält man Wasserschläuche in der Hand. Hier wird nicht geschossen, hier wird gelöscht. Die Jungs neben mir spielen auf Level Acht, während bei mir im ersten Level die Welt untergeht und von den Häusern nur Gerippe bleiben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Kyoto in den nächsten drei Jahrzehnten von einem schweren Erdbeben getroffen wird, liegt bei 80 Prozent. Fängt es einmal an, hört es so schnell nicht mehr auf. Es kommt wieder und wieder, über Minuten, Stunden, Tage oder gar Wochen. Ich wanke in die Empfangshalle zurück, wo es Feuerlöscher, Trillerpfeifen und Notfallkoffer zu kaufen gibt. Im Fernsehen läuft ein Film über die Kirschblütenzeit.

Lucy Fricke lebt drei Monate in Kyoto. Die Autorin schreibt wöchentlich über ihr Gastland