Roman

Raus aus den Medien, rein in die Medien

Die Leute machen ja alles, um auf die Mattscheibe zu kommen. Sie lassen sich in Container einsperren oder von Dieter Bohlen verhöhnen, sie verzehren Känguruhoden und baden in Termitenhaufen. Am Fernseh'n hängt, zum Fernseh'n drängt doch alles.

Da ist es fast schon eine kleine Sensation, wenn einer sich dem Medium verweigert. So wie Matthias Frings. Der Mann hat einmal, von 1992 bis 1993, "Liebe Sünde" moderiert, erst auf Vox, dann auf ProSieben. Er war damit so was wie der Oswalt Kolle des Privatfernsehens, der Chef-Aufklärer, der die Nation aus der Schamecke geholt hat. Das Publikum liebte ihn dafür, aber auch Liebe - da kannte Frings sich ja aus - kann erdrücken. Und so floh er aus der Öffentlichkeit, in die alle so gern drängen.

Jetzt hat er, spät, seinen ersten Roman geschrieben. Und er handelt von einem Fernsehmoderator, der die Öffentlichkeit flieht. Ein Schlüsselroman, denkt man sofort. Aber das ist es eben nicht, betont der 58-Jährige. Um die Fernsehwelt gehe es auch nur zur Hälfte. Und dennoch ist er überrascht, dass er mit den Leuten über sein Buch sprechen möchte, die mit ihm aber über die Medien.

Mit den Rücken zu den Leuten

Wir treffen uns in einem Café im Prenzlauer Berg, unweit vom Kollwitzplatz. Das Café hat einen einsamen Tisch weitab von allen anderen, vom Tresen verborgen. Und der Fotograf und ich, die wir zuerst da sind, wetten, dass er sich dahin setzen wird. Bingo. Er setzt sich sogar mit dem Rücken zum Raum, damit niemand ihn erkennen kann. Dabei sind wir um diese Uhrzeit fast alleine. Und der Fotograf darf ruhig erst mal seine Aufnahmen machen, soll uns dann aber, bitte schön, alleine lassen. All das scheinen noch Relikte aus jener Zeit zu sein, da Frings eine Berühmtheit, ein TV-Gesicht war.

"Erst fühlt man sich geschmeichelt, dann versucht man sich daran zu gewöhnen," erinnert er sich heute, "bald ist man ein bisschen genervt und schließlich beginnt die Zeit, wo du dich danach sehnst, einfach eine Straße entlang gehen zu können, ohne behelligt zu werden." Das sei plötzlich ein kostbares Gut geworden, das immer seltener wurde. Die Konsequenz wäre, sich nur noch in künstlichen Räumen zu bewegen. Aber das wollte Frings nicht. Deswegen hat er die Notbremse gezogen. "Ich dachte, ich gehe einfach auf Reisen. Naiv, wie ich bin. Da sitzen ja auch überall deutsche Touristen und sprechen dich erst recht an." Das Schlimmste ist ihm erspart geblieben: Handys waren zu seiner Zeit tatsächlich noch zum Telefonieren da, nicht zum Fotografieren. Seither, das kann er bei Freunden beobachten, ist die letzte Hemmschwelle gefallen: "Da wird man endgültig zum Freiwild. Die Leute fragen nicht mehr, ob sie fotografieren dürfen. Man wird einfach hemmungslos abgeschossen." Heute wird er auf der Straße immer noch angesprochen, aber das sei nicht zu vergleichen mit seiner Fernseh-Hochzeit. "Ich habe mir meine Privatheit hart erkämpfen müssen", sagt Matthias Frings heute.

Da mag es schon überraschen, dass er nun mit genau diesem Thema sein Romandebüt gibt. Frings hat sich längst einen Namen als Sachbuchautor gemacht, vom ersten deutschen Schwulenratgeber "Männer. Liebe" (1982) bis zu seiner gefeierten Biographie über Ronald M. Schernikau, "Der letzte Kommunist" (2009), die es auf die Shortlist des Leipziger Buchpreises brachte. Ein Roman hat ihn eigentlich nie gejuckt, davor hat er sogar Schiss gehabt. "Aber ich brauche immer eine gehörige Portion Schiss, um weiterzukommen", bekennt er. Und sein Lektor habe ihm die Scheu genommen: Sein Schernikau-Buch sei doch schon ein halber Roman gewesen, das sei also gar kein richtiges Debüt. "An dieser kleinen Lüge habe ich mich während des Schreibens entlanggehangelt." Und als der Entschluss gefallen war, wollte er über etwas schreiben, das er gut kennt. "Die Leser riechen es sofort, wenn du dich nicht bescheid weißt."

Das Buch sei schon auch ein kleines Vexierspiel, wie viel Matthias Frings in der fiktiven Figur Simon Minkoff steckt. Aber der Minkoff ist nicht zufällig ganz anders angelegt. Rein physisch schon, auch vom Alter her. Die Handy-Tortur ist Minkoff ebenfalls vertraut. Und er ist weit populärer, als Frings es je gewesen ist. Irgendwas zwischen Barbara Schöneberger und Günter Jauch. Das erste Drittel des Buchs bietet denn auch eine schöne, bittere Einsicht in diese Welt der Medien und Mediengeilheit, der stets lächelnden, stets schwitzenden Stars ohne Privatsphäre. Aber dann entscheidet sich Minkoff eben für den Ausstieg, und damit beginnt eine ganz andere, ganz eigene Geschichte. Minkoff stürzt in eine Einsamkeit, wie Frings sie nie erlebt hat. Und nie erleben möchte.

Warum will jetzt aber keiner über das Buch reden? Und alle nur über die Medien? Ist doch klar: weil Frings sich damit wieder zurückmeldet. Auch den "Letzten Kommunisten" hat er schon medial promotet, das gehört nun mal zum Buchbetrieb dazu. Wenn er jetzt aber für "Ein makelloser Abstieg" Interviews gibt - und diese Woche auch wieder ins Fernsehen geht, hat das schon eine besondere Komponente. Eine Art Rein-Raus-Spiel mit den Medien. Das hat, muss denn auch der schüchterne Autor feststellen, eine "ausgesprochen lustige Dialektik".

15 Jahre reichen als Schamfrist

Dabei sei die Medienwelt in Wirklichkeit viel schlimmer, als er's in seinem Roman beschrieben hat. Schlimmer, gieriger, brutaler. "Aber erstens glaubt einem das sowieso keiner. Zweitens macht es schlechte Laune. Und drittens wäre das eine billige Medienschelte." Und er wollte ja keinen Thesenroman schreiben, sondern eine Geschichte. Fühlt er sich jetzt als Nestbeschmutzer? Hier wird der sonst so freundliche Frings ungewöhnlich harsch. "Offen gesagt, geht mir das am Arsch vorbei. Nachtreten, wenn man gerade raus ist aus den Medien, das wäre eklig. Aber das ist jetzt 15 Jahre her, das reicht als Schamfrist. Ich bin ja keine Nonne, die ein ewiges Treuegelöbnis abgelegt hat."

Das Fernsehkapitel ist für ihn mit dem Buch endgültig beendet. Romane schreiben scheint dagegen ein neues Kapitel zu werden. Frings sitzt bereits an seinem zweiten Werk. Das handelt von einer Raverin im Berlin zur Zeit der Reichstagsverhüllung. "Der letzte Kommunist" spielte in der Frontstadt der Achtziger, der "Abstieg" mehr in den nuller Jahren. Mit dem neuen Roman sieht er da "eine ruckelnde Trilogie" und sich selbst, der seit den 70er Jahren in der Stadt lebt, auch als Berlin-Chronisten. Mit Leidenschaft erzählt er von dem neuen Buch. Wie muss ihm das gefehlt haben, damals, als es anders herum lief. Jetzt ist nicht mehr er es, der beäugt wird, jetzt beobachtet er wieder andere, entdeckt die Geschichten auf der Straße. Aber als er das Café verlässt, setzt er sich doch die Sonnenbrille auf. Und geht eiligen Schrittes. So ganz unsichtbar ist er halt doch nie geworden.