Bühne

Theatertreffen: Eine große Manege der Selbsttäuschung

Die rosa Zeiten sind vorbei. Auf dieser Brache aus dunkler, nackter Erde wird kein Kirschbaum mehr blühen. Die Gutsbesitzerin Ranjewskaja und ihre Sippe könnten auf diesem rohen Feld allenfalls noch die Erinnerungen an glanzvolle Zeiten begraben.

Doch sie verschließen die Augen vor der drohenden Versteigerung, holen den Wodka aus der Küche und feiern, dass die Schwarte kracht. Ignorierend, dass die Kapelle (Henning Beckmann und Michael Lücker) statt Russendisko nur Totentanz im Repertoire hat, auch wenn's nach Polka klingt.

Ob das lustig oder tragisch ist, daran scheiden sich die Geister schon seit der Uraufführung von Anton Tschechows "Kirschgarten" im Jahr 1904. In Karin Henkels Inszenierung, mit dem das Schauspiel Köln beim Theatertreffen gastierte, ist vom ersten Augenblick klar: Der Abend will Komödie sein, nichts als Komödie. Mit allem, was dazu gehört: schrägen Vögeln, stolpernden Trotteln, abknickenden Tischbeinen. Sie zieht das mit bemerkenswerter Konsequenz und sensiblem Timing durch und siehe da, hinter der Maske des Komischen leuchtet ganz wunderbar die Melancholie. Wie das bei echten Clowns eben so ist. In der Mitte der erdigen Bühne sorgt ein Drehpodest (Bühne: Kathrin Frosch) tatsächlich für Zirkusambiente. Dort formieren sich die bankrotten Russen immer wieder in verschiedenen Konstellationen, drehen immer neue Runden, ohne von der Stelle zu kommen. Es ist dies eine einzige große Manege der Selbsttäuschung. Das Leben gibt zwar den Dompteur, aber keiner will gehorchen. Nicht die ziemlich überspannte Ranjewskaja (Lena Schwarz), nicht ihr Bruder Leonid (Matthias Bundschuh wie ein versehentlich erwachsen gewordener Junge), nicht die Nachbarn.

Natürlich verlieren die Figuren über diverse Stolpertiraden zwangsläufig auch an Tiefe, aber das macht nichts, denn als Komödie ist der Abend rund, hochtourig und immens unterhaltsam. Am Ende kauft Aufsteiger Lopachin (Charly Hübner) den Kirschgarten. Er hat sie noch, die Visionen, will dort Ferienhäuser errichten. Das Land hat wieder eine Zukunft. Die Menschen nicht. Aber selbst jetzt kapieren sie nicht und tigern zum Schlachtruf "Auf in ein neues Leben!" ziellos durch die Kulisse. Allein das Podest dreht weiter verlässlich seine Kreise. Jetzt ohne Menschen, sondern mit einer kleinen Pyramide aus Wodkagläsern. Alle leer.