Geitels Geschichten

"Einem für alle, alle für Einem"

Am witzigsten hat Gottfried von Einem seine Ziele in einem knappen Slogan selbst formuliert. Er lautet "Einem für alle, alle für Einem". Lange Zeit sah es tatsächlich danach aus, als solle von Einem damit recht behalten. Wie man sich irren kann!

Von Einem, der Komponist kurzfristig überaus erfolgreicher Opern, fiel rasch wieder aus der Gnade des Publikums. Er reihte sich damit ein unter eine Vielzahl namhafter Kollegen, denen es kaum anders erging.

Wohin ist Eugen d'Albert entschwunden, ohne dessen Oper von den "Toten Augen" zeitweilig kaum eine Musikbühne leben zu können schien? Was ist aus dem reichen Werk Mascagnis, jenseits der "Cavalleria rusticana", geworden, um das man sich weltweit riss? Aber auch Richard Straussens bezauberndes "Intermezzo" macht sich auf der Bühne überdeutlich rar. Komponist zu werden, gleicht einer Lebensentscheidung, vor der es sich offenbar zu hüten gilt. Sie kennt mehr Opfer als Sieger.

Dabei galt Gottfried von Einem von Anfang als waschechter Sieger. Als junger Mann schon trabte er durch die Gänge der Berliner Staatsoper. Jedermann schien ihn unter seine Fittiche zu nehmen und sich seiner Förderung anzunehmen, an der Spitze natürlich Boris Blacher. Man kümmerte sich aus tiefer Überzeugung um ihn.

In seinem Falle kommt natürlich hinzu, dass von Einems Familie den Nazis alles andere als genehm war. Gottfried wurde sogar zeitweilig von der Gestapo in Haft genommen, kam aber glücklicherweise alsbald wieder frei. Doch wirkten diese bitteren Erfahrungen bei ihm lange nach und fanden Eingang in seine erste große Oper. "Dantons Tod", basierend auf Büchners Drama und einem Libretto von Blacher, wurde 1947 bei den Salzburger Festspielen unter der Leitung von Ferenc Fricsay geradezu triumphal uraufgeführt und machte von Einem quasi über Nacht zum Star, zum Helden der Nachkriegs-Oper. Dabei griff er gar nicht tief in die frisch angesagte Moderne hinein. Von Einem operte, allerdings mit kunstreich gespitzter Herkömmlichkeit, vor sich hin. Das klang von weitem neu und revolutionär. Also war es als zeitgemäß ziemlich überall herzlich willkommen.

Auch Einems Folgewerk, "Der Prozess" (nach Franz Kafka), wieder von Blacher zum handfesten Libretto geformt, startete einen wahren Siegeszug über die Bühnen und festigte den Ruf seines Komponisten, den Österreich alsbald als den bedeutendsten des Landes zu feiern begann. Einem bezog Stellung in der Direktion der Salzburger Festspiele, der Wiener Konzerthausgesellschaft, der Wiener Festwochen. Und schon kam die Professur an der Wiener Musikhochschule herbeigeschwebt.

Ein gemachter Komponist war er allerdings auf Dauer noch nicht und sollte es betrüblicherweise auch niemals werden.

Der Musikbetrieb ließ den umworbenen Erfolgsmann buchstäblich über Nacht fallen. Er geriet Hals über Kopf ins Vergessen, aus dem ihn dankenswerterweise, Jahr für Jahr, das treue Österreich regelmäßig durch ein kleines Festival, die "Gottfried von Einem-Tage", erlöst.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern