Filmfestival

Cannes, das große Versprechen

Hinter diesem Beutestück sind seit zwei Jahren alle großen Filmfestivals hergelaufen. Im Frühjahr 2008 erreichte uns die Nachricht, dass der berüchtigt langsame und notorisch scheue Regisseur Terrence Malick - er hatte in 35 Jahren gerade fünf Filme zustande gebracht, darunter "Badlands", "In der Glut des Südens" und "Der schmale Grat" - in Texas sein neues Werk "The Tree of Life" mit Brad Pitt und Sean Penn drehe.

Die Berlinale, Cannes und Venedig machten sich im folgenden Jahr alle Hoffnungen - vergeblich. Malick lässt sich auch beim Schneiden nicht unter Druck setzen. Nichts Neues 2010: Der Film wird nicht fertig. Kurz vor Weihnachten dann: Der erste Trailer! Kurz danach: das merkwürdige Plakat, das die Fußsohle eines Babys in der Hand eines Erwachsenen zeigt.

Und nun, tatsächlich: "The Tree of Life" in Cannes, der fertige, komplette Film. Selten ist ein Wettbewerbsbeitrag mit so viel schweren Erwartungen auf seinen Schultern in ein Festival gegangen. Selten haben wir auch aus der offiziellen Filmbeschreibung so wenig entnehmen können: "Wir verfolgen die Entwicklung eines elfjährigen Jungen im mittleren Westen, dem alles wie ein Wunder erscheint... Der erwachsene Jack ist eine verlorene Seele in einer modernen Welt, der in einer sich ständig verändernden Welt nach den Dingen sucht, die sich nicht verändern... Die Geschichte endet in der Hoffnung und erkennt die Schönheit und die Freude in allen Dingen." Nun ja, Malicks Filme sind nie besonders durch ihre Story, sondern durch ihre Inszenierung.

Penn taucht noch in einem zweiten Wettbewerbsfilm auf, in Paolo Sorrentinos "This Must be the Place", worin er als früherer Rockstar einen Ex-Nazi jagt, der für den Tod seines Vaters verantwortlich ist. Das klingt gar nicht nach dem Stoff, aus dem Kunstfilme in Cannes gemacht sind, und man findet noch weitere Filme, die klar nach Genre klingen. Der Däne Nicolas Winding Refn darf den Autoverfolgungsfilm "Drive" zeigen und der Japaner Takashi Miike mit "Hara-Kiri: Tod eines Samurai", den ersten 3D-Film in der Geschichte des Cannes-Wettbewerbs.

Ein paar düstere Lacher

Genreproduktionen sind, wie Festivalchef Thierry Frémaux betont, nicht völlig neu in Cannes, nur eine reine Komödie habe es noch nie gegeben. Immerhin sehen wir diesmal Nanni Morettis "Habemus Papam", in dem der Komiker als Psychiater mit dem neu gewählten Papst Michel Piccoli eine Psychoanalyse durchführt. Aki Kaurismäkis "Le Havre", worin ein Schuhputzer ein Einwandererkind zu retten versucht, verspricht zumindest Humor mit unbewegtem Gesicht. Und auch wenn Lars von Trier in seinem "Melancholia" die Welt untergehen lässt, sind seine Filme immer für ein paar düstere Lacher gut.

Der Wettbewerb an der Croisette umfasst, verglichen mit dem vergangenen Jahrzehnt, sehr wenige Filme, nämlich nur zwanzig. Pedro Almodóvar bringt den Gesichtsoperations-Thriller "La piel que habito", Woody Allen eröffnet das Festival mit "Midnight in Paris", einer Liebeserklärung an die französische Hauptstadt. Und Frémaux kann es sich leisten, Namen wie Gus van Sant ("Restless") Andrej Zwiagintsew ("Elena"), Kim Ki-duk ("Arirang") und Andreas Dresen (mit dem Drama "Halt auf freier Strecke" der einzige Deutsche in der Auswahl) in die Nebenreihe Un Certain Regard zu schieben.

Zwei der vielversprechendsten Filme kommen von Frauen. Die Engländerin Lynne Ramsay lässt in "We Need to Talk about Kevin" Tilda Swinton und John C. Reilly die Eltern eines Jungen spielen, der an seiner High School ein Massaker im Columbine-Stil angerichtet hat. Die australische Schriftstellerin Julia Leigh hat ihren eigenen Roman "Sleeping Beauty" in Szene gesetzt, in dem eine Prostituierte ihren Kunden anbietet, sie zu betäuben und dann alles Denkbare und Undenkbare mit ihr anzustellen.

Ein Porträt von Nicolas Sarkozy

Im Wettbewerb, voriges Jahr frauenlos, finden sich mit der Französin Maiwenn ("Polisse") und der Japanerin Naomi Kawase ("Hanezu no tsuki") noch zwei Regisseurinnen. Dazu kommen außer Konkurrenz Jodie Foster mit "Der Biber" (worin Mel Gibson mit einer Handpuppe spricht) und "My Little Princess", in dem die ehemalige Kino-Lolita Eva Ionesco die Beziehung zu ihrer Fotografenmutter (gespielt von Isabelle Huppert) verarbeitet. Das Interesse der Gastgebernation dürfte sich auf einen Film von Xavier Durringer konzentrieren: In "La Conquête" beschreibt er den Aufstieg des Kandidaten Nicolas Sarkozy bis in den Elysée-Palast, "die Geschichte eines Mannes, der Macht erlangt und seine Frau verliert", wie es die Ankündigungen formulierten.

Der Sarkozy-Film läuft am kommenden Mittwoch, zwei Tage nach Malick. Von Malick gibt es im Übrigen sensationelle Neuigkeiten. Im vorigen Jahr hat er, der im Durchschnitt alle sieben Jahre einen Film drehte, bereits seinen nächsten Film abgedreht, noch bevor "The Tree of Life" fertig geschnitten war. Das allerneuste Werk, das noch keinen Titel trägt und dessen Inhalt unbekannt ist, weist mit Ben Affleck, Rachel McAdams, Javier Bardem und Rachel Weisz eine hochkarätige Besetzung auf. Die Jagd der Festivals auf den nächsten Malick kann eröffnet werden.