Konzert

Die Band "Ja, Panik" könnte gut sein, hielte sie sich nicht für schlau

Da saß ich in ihrem einzigen Konzert im HAU1, bei dem diese umjubelte österreichisch-berlinerische Indie-Band ihr neues Album präsentierte, und versuchte mich daran zu erinnern, woran sie mich erinnerte. Vielleicht an die Sprockets.

The Sprockets war eine kanadisch-amerikanische Sketch-Serie von Mike Myers, der später Austin Powers erfand. Darin konfrontierte ein westdeutscher Intellektueller im schwarzen Rollkragenpulli und Nickelbrille das Fernsehpublikum mit so Dingen wie "Deutschlands verstörendsten Home-Videos". Dieter - so hieß die Figur - war das Klischee des verkopften Künstlers, der sich einbildet, existenzialistische, herausfordernde Kunst zu präsentieren, aber in Wahrheit seine Zuschauer quält. Die fünf steifen Jungs von Ja, Panik in ihren schwarzen Pullis und Krawatten mit ihrer zur Schau gestellten Ironie haben was von Dieter. Mit der Ausnahme, dass Dieter als Parodie unglaublich komisch war.

Die Wiener Band, die heute in Berlin lebt und mit "DMD KIU LIDT" ("Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit") nun ihr drittes Album herausgebracht hat, steht zu ihrem Dietertum - und will es zugleich überwinden. Man merkt ihnen ihren Zwiespalt an:

Die Songs von Ja, Panik gehen mit höchster Geschwindigkeit nirgendwo hin. Ein monotoner, bedeutungsschwangerer Rhythmus baut sich auf und darüber singt man ebenso bedeutungsschwanger Texte, die wohl literarisch wertvoll sind, sonst wären sie in eine interessante Melodie eingebunden. Es ist Ja, Panik wichtig, dass das Publikum weiß, dass ihre Texte wichtig sind. Dann erst gibt es wie eine Zugabe unvermittelt ein bisschen Rock-n-Roll. Dann ist es wieder weg.

Hinter dieser Weigerung, den Rhythmus, die Melodie, den Rock-n-Roll einfach mal durchbrennen zu lassen, steckt sicher eine Theorie: Etwa, dass der Künstler die Erwartungen des Hörers brechen muss, damit er bloß nicht in Genuss abdriftet, sondern sich ständig intellektuell mit dem Geschehen auf der Bühne auseinandersetzt. Es steckt sicher dahinter eine tolle Theorie, irgendwas mit Post-Dekonstruktivistische-Dissonanz oder so, und jemand sollte die Theorie mal aufschreiben und in eine Schublade einschließen, damit sie bloß nicht abhanden kommt. Und dann den Schlüssel wegwerfen.

Dann fiel es mir doch ein: Ja, Panik erinnert mich an Sex. Sex besteht ja zu 95 Prozent aus langweiliger Wiederholung, harter Arbeit und 5 Prozent Spaß. Wie man sich abrackert, um eine Frau zu beeindrucken, bis man sie endlich zu Hause hat. Dann muss man wirklich Leistung bringen und sich was einfallen lassen, bevor man endlich seine paar Minuten Spaß hat. Und hinterher: eine Stunde kuscheln.

In manchen Momenten ist die Musik von Ja, Panik auch genau das: Stark und groß und mitreißend und überwältigend. Ich spüre, wie die kreischenden Gitarren mir in die Seele greifen; ich sehe schwarz, ich erhebe mich aus dem Sessel, ich fliege gleich wie eine Fledermaus durch einen Vulkanausbruch - aber bevor ich abheben kann, sind Brecht und Weill wieder da, und ich darf einem durchaus poetischen, aber nicht wirklich interessanten Text lauschen, und dann ich gucke wieder einmal auf die Uhr.

Ein guter Rocksong ist Sexersatz: Er überspringt die ganze Arbeit und kommt sofort zum Spaß. Und hinterher, statt Kuscheln: Noch ein Song! Ja, Panik schafft es, den Spaßteil auf wenige Sekunden zu reduzieren und dafür die harte Arbeit, die Konzentration und die Selbstdisziplin endlos auszudehnen.

Ja, Ja, Panik wagt auszusprechen, was Rock-n-Roll sonst so gern verdrängt: Kinder, das Leben ist kein Rock-n-Roll.