Willy Brandt

Seine Leistungen, seine Widersprüche

Bücher schreiben hat mitunter unerwünschte Nebenwirkungen. Denn was einmal gedruckt ist, kann zitiert werden. "Durch den Kalten Krieg und dessen Nachwirkungen gefördert, gerann die Wiedervereinigung zur spezifischen Lebenslüge der zweiten deutschen Republik", steht in Willy Brandts "Erinnerungen", die im September 1989 erschienen.

Nur einen Monat später stürzten die Menschen in der DDR das SED-Regime, am 9. November 1989 rissen sie zudem die Mauer ein. Plötzlich stand die Einheit Deutschlands ganz oben auf der Tagesordnung der Weltpolitik. Klar, dass Brandts zahlreiche politische Gegner das Zitat aus seinen Memoiren fortan sooft wie möglich genüsslich referierten und den Altbundeskanzler des Opportunismus beschuldigten, weil er unmittelbar nach dem Mauerfall sagte: "Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört."

Brandt polarisierte lebenslang

Aber stimmt der Vorwurf? Willy Brandt hat Zeit seines Lebens (1913-1992) polarisiert, weil er (fast) immer mit Verve für seine Überzeugung eintrat - auch wenn er damit aneckte oder sich Feinde machte. Pünktlich zu seinem 97. Geburtstag am 18. Dezember hat die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (BWBS) jetzt die zehnbändige Auswahl seiner Reden und Schriften unter dem Titel "Willy Brandt - Berliner Ausgabe" abgeschlossen. Rund zwölf Jahre brauchte es, bis das Vorhaben vollendet war, und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Es zeigt den ganzen Willy Brandt, mit all seinen Leistungen und seinen Widersprüchen.

Bemerkenswert ist: Die BWBS und der SPD-eigene J.H.W.Dietz-Verlag haben es geschafft, schon bisher von jedem Band im Schnitt 2000 Exemplare zu verkaufen, davon ein Viertel an öffentliche Bibliotheken, aber drei Viertel an das normale Publikum. Diese für Editionen stolze Auflage macht es möglich, die gesamte zehnbändige Ausgabe jetzt in einer Kassette für ausgesprochen günstige 188 Euro anzubieten. Zum Vergleich: Jeder Band der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe und Teegespräche des Gründungskanzlers Konrad Adenauer kostet 40 Euro oder mehr, die Neue Friedrichsruher Ausgabe der Schriften Otto von Bismarcks sogar zwischen 60 und 140 Euro pro Einzelband.

In den Bänden der "Berliner Ausgabe" sind viele Entdeckungen zu machen. Im zuletzt erschienen Teil über "Gemeinsame Sicherheit", also Brandts Äußerungen zur Außen- und Deutschlandpolitik seit dem Regierungswechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl 1982, finden sich zum Beispiel bemerkenswerte Passagen, die zugleich die Häme über den vermeintlichen "Opportunismus" Brandts im Jahr 1989 Lügen strafen. Denn zwar formulierte Willy Brandt oft in Reden und Artikeln, dass er nicht an eine "Wiedervereinigung" glaubte, doch gleichzeitig hielt er stets an der Einheit der Nation fest. War das bewusst vielleicht mehrgleisig - um den prokommunistischen Linksaußen-Flügel der SPD um Oskar Lafontaine ebenso bei der Stange zu halten wie die antikommunistischen alten und aufrechten Sozialdemokraten?

Ganz so einfach dürfe man es sich nicht machen, sagt der Historiker Wolfgang Schmidt von der BWBS, der zu den Bearbeitern der Brandt-Ausgabe gehört. Denn wenn der frühere Bundeskanzler von "Wiedervereinigung" sprach, hatte er Schmidt zufolge "Deutschland in den Grenzen von 1937" vor Augen - also jene Grenzen, die das Bundesverfassungsgericht in seinem Grundsatz-Urteil zum Grundlagenvertrag mit der DDR 1973 als formell weiter geltend definiert hatte. Das aber lehnte Brandt kategorisch ab, etwa 1985 in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: "Dieses ,Wiedervereinigen' suggeriert ja, dass man etwas, wenn auch mit besserer Regierungsform, wiederherstellt, was wir schon einmal hatten, also sagen wir das Bismarck-Reich in welchen Grenzen auch immer. Und dies ist - glaube ich - ganz und gar irreführend."

Gleichzeitig jedoch hielt der Patriot Brandt stets fest am Gebot des Grundgesetzes, die deutsche Teilung in zwei Staaten in Frieden und Freiheit zu überwinden. Im Gegensatz zu seinen Kritikern glaubte Brandt auch, dass dieser Anspruch durch seine Ostpolitik nicht aufgegeben worden sei: "Der Wunsch der Deutschen auf Selbstbestimmung ist mit den Verträgen nicht untergegangen", sagte er 1988. Und ein Jahr später, am 21. September 1989, druckte die "Bild"-Zeitung einen Gastkommentar Brandts ab, in dem es unter anderem hieß: "Gewiss wird nicht ewig zu trennen sein, was denn doch zusammen gehört." Es sind (Wieder-) Entdeckungen wie diese, die das Stöbern in den zehn Bänden der Willy-Brandt-Ausgabe stets lohnen.

Brandts hellsichtige Feststellungen

Übrigens finden sich auch in seinen oft kritisierten "Erinnerungen" von 1989 viele hellsichtige Feststellungen. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Demonstrationen für Demokratie auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Juni 1989 etwa schrieb der Altbundeskanzler: "Warum, mit welchem Recht und aufgrund welcher Erfahrung sollen wir ausschließen, dass eines Tages in Leipzig und Dresden, Magdeburg und Schwerin - und in Ost-Berlin - nicht Hunderte, sondern Hunderttausende auf den Beinen sind und ihre staatsbürgerlichen Rechte einfordern?" Einen Monat nach Erscheinen seines Buches war es soweit: Die Friedliche Revolution fegte die SED hinfort, in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin.

Willy Brandt: Berliner Ausgabe.

Hg. v. Helga Grebing, Gregor Schöllgen und Heinrich August Winkler von Deutz. Dietz, Bonn 2001-2010. Einzelbände 27,60 Euro, 10 Bände im Schuber 188 Euro.