Benefizgala

Ein sterbender Schwan für das leidende Japan

Eine Ballettgala kann so oder so ausgehen. Als überlange Ansammlung von virtuos verzierten Zuckerguss-Pas-de-Deux', die irgendwann zu Karies für die Augen werden. Oder als abwechslungsreicher Reigen aufregender Tänzerdarbietungen, deren Protagonisten mit Technik wie Persönlichkeit aufwarten.

Die vom unermüdlich für seinen Kinder-"Tanzolymp" trommelnden Oleksi Bessmertni geschwinde auf die Spitzenschuhe gestellte und von Vladimir Malakhov künstlerisch betreute Benefiz-Gala für Japan im Admiralspalast lag irgendwo bequem in der Mitte. Und war mit drei Stunden und 15 Minuten Spieldauer gerade noch im grünen Bereich. Dabei hatte das Publikum im nicht vollen, aber dauerhaft vor Jubel erbebenden Zuschauerraum nur die Hälfte des ursprünglich geplanten Programms zu sehen bekommen.

Sehr viele berühmte Tänzer erinnerten sich offenbar gern an die Vorzugsbehandlung, die sie oftmals im ballettverrückten Japan erfahren haben. Dort sind die Fans vielleicht zahlenmäßig überschaubar, aber fanatisch werden höchste Preise gezahlt, um die weltweit angesagten Tütü-Prinzessinen und Dreh-Athleten auch in Tokio zu erleben. Was ein nicht verwundert, denn die japanischen Tänzer sind einfach temperamentsmäßig blasse Fischlein, vergleicht man sie mit ihren westlichen Kollegen.

Mal zackig, mal süß

Das wurde auch an diesem Abend deutlich, wo Ueno Mizuka vom Tokyo Ballet als Alberto Alonsos Carmen nur fade mit den Hüften wackelte und Ibrahim Önal vom Berliner Staatsballett als Don José allein für andalusische Hitze sorgen musste. Natürlich war es Ehrensache, dass mit Ikue Shiga und Huang Kai vom Tokyo City Ballet ein Paar aus dem so von der Natur gebeutelten Land das Finale bestritt, aber ihr "Nussknacker" wirkte sehr buchstabiert und brav abgespult. Vor allem, weil vor ihnen die beseelt schwebende Lucia Lacarra und ihr viriler (Lebens-) Partner Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett für einen späten Höhepunkt mit Roland Petits "Thais"-Pas de Deux zu Massenets schmeichelndem Geigenhonig gesorgt hatten: Kann dieses hinreißende Paar nicht auch mal ohne Benefiz-Anlass beim Staatsballett gastieren?

Nicht dass die heimische Truppe zu wenig ihrer Solitäre aufgeboten hätte. Zwischen mal zackig, mal süß durcheinanderpurzelnden russischen Kindertanz-Ensembles aus Ekaterinburg, Moskau und Barnaul sowie vielversprechendem Akademienachwuchs aus Mannheim und Stuttgart (zur Berliner Schule gibt es ja nach wie vor nur eine Nicht-Beziehung) reihten sich wie die Ballerinenperlen an der Schnur Berliner Preziosen: Beatrice Knop und Leonard Jakovina sexy schlangenhaft in Mauro Bigonzettis "Caravaggio"-Duo; Nadja Saidakova stellte in einem Ausschnitt aus "Herman Schmerman" an der Seite von Noah Gelber ihre einzigartige Eignung als sehnig-eckige William Forsythe-Sirene unter Beweis. Vladimir Malakhov tanzte zurückhaltend verinnerlicht seinen männlichen "Sterbenden Schwan" à la Mauro de Candida, Elisa Carrillo Cabrera und Mikhail Kanishkin war in "Fanfaren LX" perfekt eingespielte Harmonie in Knallrot und Dinu Tamazlacaru räumte mit seinem bewährten Brel-Brüller "Le bourgeois" ab.

Abgezirkelt klassisch die Wiener Gäste Ludmila Konovalova und Alexander Shishhov, sowie die lyrisch-zupackende Anna Polikarpova, seit Jahren ein Star beim Hamburg Ballett. Mit Ivan Urban führte sie im "Adagietto" aus der 5. Sinfonie fein vor, was für ein großer Mahler-Choreograf John Neumeier ist. Vom Bolschoi Ballett war Dmitry Gudanov mit einem nicht sonderlich aufregenden Solo über "Dreams of Japan" da. Gäste aus Amsterdam tanzten Hans van Manen, Moskau war mit Vivaldi dabei und Dresden mit David Dawson. Und die kraftstrotzenden Ukrainer Kateryna Kukhar und Oleksandr Stoianov zeigten, was in der Berliner "Esmeralda"-Produktion dann doch fehlt: das virtuose Waganova-Duo "Diana und Actaeon".