Kunstsache

Alles schon mal gesehen, aber doch ganz neu: Die jungen Galerien

Wenn Santiago Sierra nicht gerade auf so verrückte Ideen kommt, wie Tagelöhnern Geld dafür zu zahlen, dass sie sich tätowieren lassen, dann reist er durch die Welt, um an allen möglichen Orten die Buchstabenskulpturen seines Projekts "Destroyed Word" aufzubauen - und danach wieder formschön kaputtzuhauen.

Das "T" hat er am 1. Mai im Hof der KOW Galerie zertrümmert. Die aktuelle Doppelschau von Sierra und der Künstlerin Cady Noland bei KOW zeigt, wie aufregend politische Kunst sein kann. Im Ausstellungsraum versperrt Nolands polierter Metallzaun den Weg, und in einer Ecke sind einige ihrer Objekte gestapelt: zerbeulte rote Cola- und blaue Bierdosen, rostige Handgranaten, Pistolenkugeln - jeweils in durchsichtige Plexiglaskuben eingegossen. Daneben hat Sierra eine Wand mit 89 Schwarz-Weiß-Porträts von mexikanischen Ureinwohnern vollgehängt, die sich von der Gesellschaft abgewandt haben und deshalb dem Fotografen den Rücken zudrehen. Natürlich handelt die Ausstellung von Konsum, Macht und Ausgrenzung. Aber sie ist auch eine Zusammenstellung wunderschöner begehrenswerter Objekte. KOW gibt es seit zweieinhalb Jahren, sie ist eine sehr junge Galerie. Und sie hat gerade eine der besten Ausstellungen in Berlin inszeniert. (Bis 29. Juli, Brunnenstraße 9, Mitte)

Erst seit dreieinhalb Jahren existiert die Galerie ¯ak/Branicka. Dort konzentriert man sich auf Künstler aus Osteuropa. Im Moment stellt Roman Opalka aus, Pole, 79 Jahre alt. Opalka verbringt seine Leben damit, kleine weiße Zahlen aufzuschreiben. Hintereinander weg, in fortlaufender Reihenfolge. 1965 begann Opalka mit der Zahl 1 und hat nicht wieder aufgehört. Mittlerweile ist er beim 233. Bild und der Zahl 5 590 000. Bei jedem Werk hellt der Künstler den Hintergrund um ein Prozent auf - so dass er heute Weiß auf Weiß malt. Für eine junge Galerie ist es nicht leicht, eine Konzeptkunstlegende wie Opalka vorzustellen, aber die Schau bei ¯ak/Branicka hat mich sehr berührt: In einem Raum hängt ein graues Zahlenbild aus den Siebzigern. In einem anderen ist man von acht Fotos umgeben, die der Künstler jeweils von sich selbst am Ende eines Arbeitstags gemacht hat. Auch hier verschwindet er langsam im weißen Hintergrund. In diesem Raum hatte ich das Gefühl, Opalka wirklich zu verstehen. Und konnte diesen Künstler nur bewundern, der - den baldigen Tod vor Augen - weiter an seiner Lebensaufgabe festhält. (Bis 25. Juni, Lindenstraße 35, Kreuzberg)

Musterbeispiel der Konsequenz ist auch die Gruppenausstellung "The Confidence-Man" in der Galerie Tanya Leighton (die es seit 2008 gibt). Die Schau zeigt, wie originell es sein kann, wenn man als junger Künstler mit voller Überzeugung unoriginell ist: David Adamo hat eine mehrere Meter hohe Kiefernholzsäule mit der Säge bearbeitet und die fallenden Späne auf dem Boden liegen lassen. Aloïs Godinat hat farbige Poster zu geometrischen Formen zerrissen und einfach auf die Wand geklebt. Pamela Rosenkranz hat braune Acrylfarbe mit den Händen auf einer Plexiglasscheibe verschmiert - eine Flasche mit Farbbrühe steht daneben. Nichts davon wirkt wirklich neu, aber gerade die gemeinsam durchgehaltene Kapitulation vor dem Déjà-Vu-Effekt macht die Künstler hemmungslos mutig und den Blick des Betrachters offen: Wie genial und mühelos Godinat die "Shaped Canvasses" von Richard Tuttle verulkt! Wie befreit und wild Rosenkranz' Prankenspuren über das Plexiglas verteilt sind! Wie stylisch Adamo die klassische Bildhauergeste imitiert! Von dieser souveränen Mir-doch-egal-Mentalität möchte ich in Zukunft noch viel mehr sehen. (Bis 25. Juni, Kurfürstenstraße 156, Schöneberg)

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien in Berlin.