Fernsehen

Kommissare, die Händchen halten

Es schneit in Frankfurt, die Straßenbeleuchtung taucht die Nacht in Braun. Und braun sind auch die Backsteine im Polizeipräsidium und die Büros. Conny Mey, die Neue von der Mordkommission, sitzt dort in einer engen Butze mit Schreibtisch und Computer, zwei Verdächtige finden gerade noch Platz, gleich gegenüber ist die Tür.

Bei dieser Conny stellt sich die Frage nach der Angemessenheit der Kleidung im Dienst: Sie trägt enge Jeans, Cowboystiefel und den Schulterhalfter über einem knappen Pulloverdings, darüber eine knallrote wattierte Winterjacke. Wüsste man es nicht besser, müsste man Conny Mey für eine Bordsteinschwalbe halten.

Als sie zum ersten Mal das Zimmer ihres Kollegen Frank Steier betritt, ruft sie: "Sie haben ja ein großes Büro!" Der Hauptkommissar dämmert im Halbdunkel vor sich hin, in der Waschnische gießt er sich einen Schluck aus dem Flachmann ins Glas, zwischendurch liegt er auf dem Sofa. Die neue Ermittlerin hält er für einen übermotivierten Gutmenschen.

Sie haben es mit dem verwirrten Sven Döring zu tun, dessen Sohn nach einem Autounfall ins Koma fiel und seitdem von Maschinen am Leben gehalten wird. Der Vater macht die junge Miriam, die den Unfall gemeldet hatte, für seinen Zustand verantwortlich. Der zuständige Kommissar habe die Umstände vertuscht, weil er eine Affäre mit der Frau hatte. Döring droht wüst den Polizisten und den Ärzten und will sich offenkundig rächen. Aber noch hat er nichts Strafbares getan. Er lauert, beobachtet, verfolgt Miriam im Auto, drängt sie zu einer Aussage.

So wissen Mey und Steier nicht, was sie tun sollen. Der erfahrene Kommissar wiegelt zunächst ab, Mey will die Frau schützen. Der Polizeipsychologe Behnken, genialisch gespielt vom sinister-seifigen Arnd Klawitter, salbadert beruhigend in seiner wolkigen Psycho-Sprache und empfiehlt der Fassungslosen ein Frauenhaus. Doch der paranoide Döring gibt nicht auf. Justus von Dohnányi spielt diesen Mann am Rand des Irrsinns, der in einer Schattenwelt zwischen dem erloschenen Sohn, der toten Ehefrau und seinen Hirngespinsten lebt, ein gehetztes Gespenst im Norwegerpulli und mit Pflaster auf der Nase. Er könnte einem leid tun, würde er nicht so viel Leid verursachen.

"Eine bessere Welt" wünscht sich der unheimliche Sven Döring. Der elegische Film von Lars Kraume (der 800. in der "Tatort"-Reihe) aber zeigt eine Welt, in der sogar empathisches Bemühen bestraft wird, in dem ein Vater seinem bewusstlosen Sohn aus einem Buch vorliest, in dem sich Menschen, die einander nahe sein müssten, als aggressive Autisten begegnen. Nina Kunzendorf ist eine Sensation als Gefühlsmensch Conny: Sie spielt eine Frau, die eben noch mit lauter Kinderstimme gesprochen hat und plötzlich so ernst wird, dass einem kalt wird.

Skurril allerdings ist ihr Verhalten fern der Kameras. So beklagte sie sich im Vorfeld des Films in der "taz", dass die "Bild" noch vor Dienstantritt ein altes Halbnacktfoto von einem Theater-Auftritt zeigte. Nichtsdestotrotz veröffentlichte "Bild" am selben Tag ein Interview mit ihr, in der sie ausführlich Fragen zu ihrem Dekolleté beantwortete, es sei "ihre zweite Waffe", sagte sie.

Joachim Król ist bereits eine Berühmtheit und gab seinen Ruhrpott-Polizisten Lutter im ZDF für die neue Rolle auf. Viel gewonnen hat er dabei nicht: Er legt Frank Steier knitterig und stieselig als gebrochenen Profi an, von dem nicht einmal ein Angehöriger bekannt ist und der als geduldeter Sonderling gilt, der eben seine eigenen Methoden hat. Aber Król lässt aufblitzen, dass der kaputte Kauz auch ein Choleriker ist: Einmal explodiert er in der Kantine, als Conny Mey ihr Mittagessen einnehmen möchte und ein sehr großer Kollege ihr Recht darauf verteidigt, woraufhin er sich bei ihr entschuldigt und ihn beleidigt. Noch kann Król nicht glänzen. Aber man sieht ihn einfach immer gern.

Bei nächtlichen Autofahrten beginnt eine wunderbare Freundschaft, wenn sie feststellt, dass er keine Nähe ertragen kann, und er entgegnet: "Sie können sehr gut Nähe ertragen." Dann empfiehlt Conny ihm, doch einmal schöne Jeans zu tragen oder fröhliche Farben. "Machen Sie jetzt auch noch Typberatung?" fragt Steier. Und während es immer noch schneit, der Psychologe erst mal einen heißen Tee holen lässt, während Conny eine enge grüne Jacke anlegt und Justus von Dohnányi zum letzten Gefecht aufbricht, begreift man, dass hier niemand ein Heim hat, in das er einkehren könnte. "Klar, Sie haben jetzt Feierabend und trinken ein schönes Bierchen", hatte die Mey zu Beginn Steier vorgehalten. Am Ende steht sie im Krankenhaus und hält seine Hand, und man kann nicht sicher sein, ob Frank Steier überhaupt eine Wohnung außerhalb seines Flachmanns hat. Seit den großen Momenten der Männerfreunde Götz George und Eberhard Feik alias Schimanski und Thanner hat man kein Duo gesehen, bei dem Einsamkeit und Zärtlichkeit so durch die fadenscheinige Handlung des Kriminalfilms schimmern, dass etwas sehr Anrührendes bleibt.