Auftakt

Theatertreffen: Erst das Vergnügen, dann die Jelinek

Mit der Ankündigung "Alles anders, alles neu" preschte Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg mutig vor. Aber eigentlich ist alles wie im vergangenen Jahr: Das Schauspiel Köln eröffnet das Festival. Verlässlich blühen die Kastanien rund ums Festspielhaus.

Die Luft ist milde, das Publikum trifft sich im Garten, wo der frisch verlegte Rollrasen einige Stolperfallen birgt. Was allerdings auch Chancen zur Kontaktaufnahme bietet. Eva Mattes ermittelt an diesem Freitagabend in eigener Sache. Die Tatort-Kommissarin gibt einem Fernsehsender ein Interview. Sie ist Jurorin für den Alfred-Kerr-Darstellerpreis und wird deshalb bei allen zehn eingeladenen "bemerkenswerten" Inszenierungen, so das interpretationsoffene Auswahlkriterium, als Zuschauerin dabei sein. Traditionell ist die Schauspieler-, Festivalleiter-, Politiker-, Intendanten- und Geschäftsführerdichte zum Auftakt des Theatertreffens besonders hoch; selbst Theaterkritiker holen für diesen Anlass ihren Anzug aus dem Schrank.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) eröffnete das Festival. Spontane Gags sind nicht seine Sache, aber das Bekenntnis zur vielfältigen Theaterlandschaft hört man an diesem Abend gern. Auch in finanziell schwierigen Zeiten sollten die 150 staatlich geförderten deutschen Bühnen erhalten werden. "Wir brauchen sie alle", sagte Neumann.

Nahtlos der Übergang zur Inszenierung von Karin Beier. Die Kölner Intendantin, derzeit auf einer Welle des Erfolgs, hat sich von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eine charmante Petitesse ("Im Bus") und eine Abrechnung mit den politisch Verantwortlichen für den Pfusch beim U-Bahnbau und dem anschließenden Einsturz des Kölner Stadtarchivs schreiben lassen ("Ein Sturz"). Beide Uraufführungen verknüpft Beier mit "Das Werk". In allen drei Stücken geht es um den anmaßenden Glauben der Menschen, sich gottesgleich die Erde untertan machen zu können. Aber, so heißt es im Untertitel, "nature strikes back" - und lässt an Japan erinnern.

Jelineks Wortkaskaden um Schuldfragen, Ausbeutung und menschliche Hybris bringt Regisseurin Beier mit einem ganzen Strauß theatralischer Mittel (Chor, Masken, Tanz, Live-Musik plus retardierende Momente, Bühnenflutung) und in "Ein Sturz" mit einer zauberhaften Gogoliade auf die Bühne. Auch eine kleine Verbeugung vor stilistischen Vorlieben der Kollegen Einar Schleef, Christoph Marthaler und besonders Nicolas Stemann. Letzterer gilt als Jelinek-Uraufführungs-Spezialist - beim Theatertreffen konnte man seine maßstabsetzenden Inszenierungen von "Ulrike Maria Stuart", "Die Kontrakte des Kaufmanns" - und auch "Das Werk" bewundern. Beier setzt dieses Stück, in dem es um den jahrzehntelangen, opferreichen Bau eines Wasserkraftwerks samt Staudamm in den österreichischen Alpen geht, an den Anfang, weil ihr offenbar die Uraufführungen zu leichtgewichtig erschienen. Das macht den Abend dann doch zu einem Theaterereignis, das erarbeitet werden will.