Arthur Miller

Aus den Fugen rieseln die Lebenslügen

Spätestens seit Tolstois "Anna Karenina" wissen wir: "Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich."

Zu welcher Kategorie die Kellers gehören, scheint zunächst klar zu sein: Kinder toben herum, ein Basketball wechselt unter Juchzen den Besitzer und Vater stimmt dazu die Gitarre an. Dann ist Schluss mit lustiger Unschuld, es fällt von oben eine Ladung Äpfel und mit dem Rollrasen kommen die Probleme. Den verteilen alle zusammen noch sorgfältig auf dem Gartenkarree, doch dieser apfelbedeckte Rasen läutet die Zeitenwende ein. Die Kinder sind groß, der Wohlstand ist da, Joe Keller leitet zusammen mit seinem jetzt erwachsenen Sohn Chris ein florierendes Unternehmen. Klingt gut, ist es aber nicht, auch wenn das noch nicht alle Familienmitglieder wissen. Doch Arthur Miller wird es ihnen schon beibringen in seinem Stück "Alle meine Söhne", mit dem er 1947 seinen ersten großen Broadway-Erfolg feierte.

Für die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters hat sich Regisseur Roger Vontobel diese Geschichte vorgenommen, die schwer beladen mit Moral ist. Doch Vontobel kriegt das wunderbar in den Griff, indem er beherzt zusammenstreicht. Nicht nur wird dieser Abend ohne Schuss am Schluss auskommen, auch fast alle Figuren aus der Kellerschen Nachbarschaft fehlen. In der Rolle der amerikanischen Neighbourhood statt dessen: wir, das Publikum. Dafür rückt Bühnenbildnerin Claudia Rohner die Sitzreihen von allen vier Seiten ganz nah an das Rollrasengrün heran. Dass zwei Videoleinwände einfangen, was Teile des Publikums aufgrund der Sitzordnung nicht frontal sehen können, ist allerdings kontraproduktiv und vergrößert die bereits reduzierte Distanz wieder unnötig. Ansonsten erzählt Vontobel angenehm konventionell und mit leichter Hand das schwere Familienbeben. Er platziert die Figuren auch physisch auf diesem Familientableau je nach den aktuellen Allianzen und kann dabei auf ein hervorragendes Ensemble vertrauen, das die Spannungsmomente dieses Vorstadtkrimis sensibel auskostet: Daniel Hoevels gibt Chris zunächst noch als naives Söhnchen, den die Wucht der Erkenntnis dann umso härter trifft: "Was soll ich denn jetzt machen?" Geschrieen bis zur Heiserkeit, die große Anklage an seinen Vater, den Jörg Pose etwas unentschieden spielt. Da hatte Chris schon unter dem Rasensprenger mit Ann Deever (jugendlich frisch: Meike Droste) geknutscht, sie wollen heiraten. Sie ist eigentlich mit seinem Bruder Larry verlobt, der aber aus dem Krieg nicht heimkehrte und den alle für tot halten, bis auf Mutter Kate (Ulrike Krumbiegel als verdrängendes Muttertier).

Die findet die Hochzeit nicht passend und Annies Bruder George (überzeugend verstört: Ole Lagerpusch) auch nicht. George platzt in das Familienidyll, von seinem Vater kommend, der im Gefängnis sitzt, weil es damals, als er noch Joe Kellers Partner in der Fabrik war, dieses Problem gab. Es wurden schadhafte Zylinderköpfe an die Air Force geliefert, 21 Piloten starben. Joe wurde frei gesprochen. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausschält. Und mit dieser Gewissheit, dass Joe Keller für seine Lieben nicht nur Dad und Buddy ist, sondern, zumindest indirekt, 21 Menschenleben auf dem Gewissen hat und noch einem andern dafür die Schuld in die Schuhe schob, bricht das von allen gepflegte Familiengebäude, aus dessen Fugen nun die ganze Schuld, die Lebenslügen, die tragischen Verstrickungen aus Gier und Angst rieseln, vollends in sich zusammen. Als Entschuldigung hat Vater Joe nur ein Argument vorzubringen: "Chris, ich hab's doch für dich getan. Für euch." Ein Alibi, das auf dieser Welt schon ziemlich viele Familien unglücklich machte. Jede auf ihre eigene Art.

Deutsches Theater/Kammerspiele , Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 441 225. Termine: 18., 20. u. 21. Dezember, 20 Uhr.

Alle meine Söhne ++++-