Interview mit Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg

"Das Berliner Publikum ist sehr verwöhnt"

Das bedeutendste deutschsprachige Theaterfestival findet alljährlich im Mai in Berlin statt: das Theatertreffen, das gestern Abend im Haus der Berliner Festspiele mit Karin Beiers Kölner Inszenierung "Das Werk / Im Bus /Ein Sturz" eröffnet wurde.

Eine unabhängige, aus sieben Kritikern bestehende schaut sich rund 400 Aufführungen an und wählt dann die zehn "bemerkenswertesten Inszenierungen" aus, die zum Festival eingeladen werden. Seit 2003 wird das Theatertreffen von Iris Laufenberg geleitet. Gemeinsam mit Festspiel-Intendant Joachim Sartorius hört sie am Jahresende auf. Stefan Kirschner sprach mit Iris Laufenberg über die Neupositionierung des Festivals und die diesjährige Auswahl.

Berliner Morgenpost: Frau Laufenberg, Sie kündigen Ihr neuntes und letztes Theatertreffen mit den Worten "alles anders, alles neu" an. Hat der Wandel denn so lange gedauert?

Iris Laufenberg: Den großen Generationswechsel der tonangebenden Regisseure gab es ja schon am Anfang meiner Tätigkeit. Das war keine leichte Zeit. Der Wind war kalt und bitter. Weil er nicht nur von den Kritikern kam, sondern auch von den Regisseuren, die beleidigt waren, weil sie nicht mehr eingeladen wurden. Und teils auch vom Publikum, das sich erst einmal nicht direkt mit neuen Regiehandschriften anfreunden wollte.

Berliner Morgenpost: Sehr diplomatisch formuliert. Die Regisseure haben es aber mittlerweile akzeptiert?

Iris Laufenberg: Ja, aber Reaktionen wegen Nicht-Einladung gibt es schon noch. Aber für mich ist das jetzt ein schöner Theatertreffen-Abschluss: Man kann jetzt nicht mehr sagen, dass immer dieselben Namen und dieselben Städte eingeladen werden. Ich bin sehr froh, dass diesmal die sogenannte "Freie Szene" und kleinere und mittlere Bühnen dabei sind. Das ist auch ein Signal an die kommunalen Politiker, denn viele Theater sehen sich mit überlebensbedrohlichen Einsparungen konfrontiert.

Berliner Morgenpost: Provinzbühnen hatten allerdings in der Vergangenheit beim theaterverwöhnten Berliner Publikum oft einen schweren Stand?

Iris Laufenberg: Aber es gibt ja den Wunsch des Publikums, auch mal Produktionen aus kleineren Städten zu zeigen und Regisseure zu präsentieren, die noch nicht in Berlin arbeiten.

Berliner Morgenpost: Aber die Einladungen zum Theatertreffen wählt eine unabhängige, siebenköpfige Jury aus. Der kann man schlecht etwas vorschreiben...

Iris Laufenberg: ...das ist klar, aber geäußert wurde dieser Wunsch regelmäßig bei den Abschlussdiskussionen: "Gibt es keine bemerkenswerten Inszenierungen außerhalb der renommierten Bühnen" - wurde da oft gefragt.

Berliner Morgenpost: Dann stieß die Kritik des Publikums wohl auf fruchtbaren Boden bei der Jury. Wie lief denn die Abstimmung an der Kasse?

Iris Laufenberg: Der Kartenvorverkauf hat unser Vorurteile entwaffnet: Die Vorstellungen aus Schwerin und Oberhausen waren schnell ausverkauft. Für das Gastspiel des Wiener Burgtheaters gibt es sogar noch Karten.

Berliner Morgenpost: Sie haben diesmal und erstmals auf ein Motto verzichtet. Warum?

Iris Laufenberg: Das ist für uns wie eine Überschrift auf einer Verpackung. Aber die ist jetzt gar nicht mehr nötig. Als ich das Theatertreffen übernahm, sollte das Haus der Berliner Festspiele als Festspielzentrum etabliert werden. Mir war es wichtig zu zeigen, dass das Theatertreffen mehr ist als einzelne Inszenierungen, ich wollte auch auf das Rahmenprogramm hinweisen, auf das ganze kompakte restliche Festival also.

Berliner Morgenpost: Das einzig Bleibende sind dann die Wimpel, eine gewisse Fußball-Analogie?

Iris Laufenberg: Das ist unser Logo. Und unsere Trophäe, die den Künstlern verliehen wird.

Berliner Morgenpost: Und diesmal auch ein Spiegel. Wer hineinschaut, sieht sich selbst. Wie kommt es denn, dass in diesem Jahr erneut das Schauspiel Köln das Festival eröffnet?

Iris Laufenberg: Für mich ist die Frage entscheidend, welche Inszenierung schafft die Eröffnung. Ich möchte immer eher eine spektakuläre Aufführung an den Anfang setzen. Karin Beiers Inszenierung der drei Jelinek-Stücke passt da wunderbar, zumal ja auch viele Politiker da sein werden. In dem Stück geht es auch um politische Verantwortung, nicht nur um die für den Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs.

Berliner Morgenpost: Dieses Theatertreffen ist Ihr letztes. Welche Inszenierung der vergangenen Jahre ist Ihnen noch lebhaft in Erinnerung?

Iris Laufenberg: Christoph Schlingensiefs "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" - auch, weil die Zusammenarbeit mit dem Regisseur so intensiv war. Er hat ein eigenes Festival in unserem Festival gemacht, hat früher angefangen zu proben. Das war alles sehr bewegend. Und ich bin froh, dass wir jetzt auch seine letzte Arbeit, die er vor seinem viel zu frühen Tod, noch selbst realisieren konnte - geladen haben und hoffe, dass wir viele Spendengelder für seinen Traum, das Operndorf in Afrika, sammeln werden.