"Rocco und seine Brüder"

Jeder Aufstieg hat seinen Preis - die Familie bricht auseinander

Opfer des Aufstiegskampfes sind sie: Simone, der Boxer, der auf die schiefe Bahn geraten ist, sein Bruder Rocco, der ihn retten möchte, und die Prostituierte Nadia, die zwischen beiden steht. Filmregisseur Luchino Visconti zeigte mit "Rocco und seine Brüder" 1960 die Schattenseiten des italienischen Wirtschaftswunders.

Aus dem agrarisch-traditionsbewussten Süden stammend, versuchen sich Rocco und seine vier Brüder in der modernen Industriemetropole Mailand an einem neuen Leben. Simone, der dem raschen Geld huldigt, bleibt auf der Strecke, Rocco hat als Boxer zwar Erfolg, verabscheut jedoch das Kämpfen. Nadia geht zugrunde - erstochen von Simone, weil sie Rocco liebt, nicht ihn.

Am Maxim Gorki Theater übersetzt Regisseur Antú Romero Nunes Viscontis Opfersymbolik in ein deutliches Bild und zeigt die drei Hauptdarsteller als Gekreuzigte. Bei Visconti wird das angedeutet, wenn Nadia mit ausgebreiteten Armen Simones ersten Messerstich erwartet. Auf der Bühne hängt sich Anne Müller in Christuspose an eine der Zugstangen und fordert vom widerwilligen Simone (Michael Klammer) immer wieder den Mord: "Ist Nadia jetzt tot?" Die Frau, die im Film für ihre Eigenständigkeit büßen muss, bleibt selbstbestimmt, der Mann ist unentschieden - eine andere Geschlechterkonstellation als im Film.

Wie in dieser Szene wendet Nunes jeden Moment der Filmvorlage neu. An Einfällen mangelt es ihm nicht. Die Ankunft der Familie in Mailand etwa inszeniert er als Stummfilmklamotte: Weiß geschminkt sind die Gesichter, schwarz die Münder. Die Brüder tragen Koffer und Schirmmützen. Mit ausladenden Gesten wickeln sie Andreas Leupold ein schwarzes Tuch um die Hüften, eines um den Kopf, und fertig ist die süditalienische Mamma. Schnee bringt den Jungs ihren ersten Job: Pantomimisch schippen sie und streuen dabei Konfetti.

Die Stummfilmästhetik ist den heutigen Sehgewohnheiten so fremd wie Viscontis opernhafte Melodramatik. Nunes und seine Schauspieler gehen in Distanz zum Pathos ihrer Vorlage: Anne Müller betritt im lila Minikleid die Bühne und küsst den ältesten Bruder, Vincenzo (Albrecht Abraham Schuch), der verwirrt seine ersten Worte stammelt, "Du bist nett". Da weist die Verführerin mit dem blonden Strubbelhaar auf die Übertitel, die den Stummfilm begleiteten, und antwortet "Projektion". Ab dem Moment stehen heutige Typen auf der Bühne, die auch mal "Ey" sagen, und die per Fingerzeig angeben, wo es hingehen soll: Von ganz unten nach ganz oben.

Der Aufstieg hat seinen Preis. Die Familie bricht auseinander. Die Brüder, anfangs wie die fünf Finger einer Hand, gehen ihrer eigenen Wege. Vincenzo gründet eine Kleinfamilie, Ciro (Matti Krause) wird Facharbeiter bei Alfa Romeo, und als Rocco (Robert Kuchenbuch) seinen zweiten Boxkampf gewinnt - das Theater versucht mit gleichzeitigem Geschehen eine filmische Parallelmontage -, fordert Nadia von Simone den Tod. Im Schlussbild öffnet Luca (Alp Erdener Ergovan), der Jüngste, einen Koffer und helles Licht scheint ihm entgegen. Die Hoffnung der Familie. Vielleicht kann er in die Heimat zurückkehren, das Land der Oliven, Vollmondnächte und Regenbogen, wie es Rocco erinnert?

Arbeitsmigration als Bruch mit Tradition und Wette auf die Zukunft - ein zeitgenössisches Drama könnte man dem Filmstoff abgewinnen. Durchgeführt wird diese mögliche Erzählebene nicht, auch wenn ein, zwei Mal das Wort "Kanake" fällt. Es bleiben einzelne Bilder, Andeutungen. Und letztlich verliert sich das Anliegen der Inszenierung, Vereinzelung zu zeigen, in einer bloßen Nacherzählung

Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 30. Termine: 9. und 27. Mai, 19.30 Uhr.