Strauss

Ein Meister einmal ganz aus dem Abseits beleuchtet

Richard Strauss zu feiern scheint leicht. Aber das ist es nur, wenn man sich auf seine Hauptwerke konzentriert. Gerade das aber wollten offensichtlich die Philharmoniker nicht. Unter Christian Thielemanns umsichtiger und energischer Leitung fischten sie lieber nach dem annähernd Unbekannten.

Auf die Gefahr hin, dem Trüben zum Opfer zu fallen, an dem es in Straussens Gesamtwerk auch nicht mangelt. Gleich die einleitende "Festmusik der Stadt Wien" für Blechbläser und Pauken bläst im Grunde zehn geschlagene Minuten lang nichts als Blech.

Es ist schon erstaunlich, dass Strauss, der Großmeister der Oper, mit seinen Liedern mit Orchesterbegleitung nur kleinste Blumentöpfe zu gewinnen verstand. Da musste schon ein spendabler Fan einspringen, den beiden hervorragenden Solisten, Renée Fleming und mehr noch Thomas Hampson, wenigstens Schnittblumen zu überreichen. Im Strauss natürlich, wie es sich für einen richtigen Strauss-Abend ziemt. Die Bündelung der Gesangsnummern erwies sich freilich als wenig ergiebig, bevor beide Sänger ihre Stimmen zu den beliebten, knappen Duetten aus "Arabella" vereinten. Fleming in der Titelpartie wirkte freilich hin und her gerissen zwischen ihrem Liebhaber Mandryka und Thielemann am Pult, dem sie ihre Aufmerksamkeit aus ganz unsentimentalen Gründen nicht entziehen durfte.

Hampson konnte sich da schon viel ungetrübter seiner Partnerin zuwenden. Sie zeigte die reiche Schönheit ihrer Singkunst am deutlichsten im "Gesang der Apollopriesterin", den die Wenigsten je gehört haben dürften. Es setzte Jubel - und dies ganz zu Recht. Die Philharmoniker konnten ihn lautstark erst mit dem Schluss-Stück einheimsen: dem "Festlichen Präludium", 1913 zur Einweihung des Wiener Konzerthauses komponiert, für ein beinahe schon überdimensionales Orchester und gar mit einer Orgeleinschaltung bestückt. Es setzte zunächst auf dem Podium, dann im Saal, eine rechtschaffene Thielemann-Strauss-Jubilate.

Sie hätte natürlich noch weit stärker und anhaltender ausfallen können, hätte man sich ins Zentrum des Schaffens hineingewagt. Einzig aus dem Abseits kommt man an die Einzigartigkeit der Meister leider nicht heran. Was man auch an mehr oder minder Interessantem zusammenträgt, ein fetter musikalischer Happen gehört schon dazu. Auf den aber ließ Thielemann bei aller inspirierenden Geschäftigkeit warten. Robert Heger etwa war ein durchaus angesehener Dirigent, von ihm aber (statt Straussens originaler Klavierbegleitung) eine handgestrickte Orchestermusik dem "Traum durch die Dämmerung" beizugeben, rangiert dies Lieblingsstück des Strauss'schen Liedschaffens ein bisschen zu sehr in Albtraumnähe. Das Publikum hatte das offenbar sofort erkannt - und ließ die Hände ausnahmsweise ruhig im Schoß.