Erzählungen

Bernhard, der Menschenfresser im Einsiedlergewand

Sepp Dreissinger, der österreichische Fotograf und Filmemacher, hat uns durch den Morbus Bernhard schon viel Krankheitsgewinn verschafft: Seine Bild- und Gesprächsbände über Thomas Bernhard zählen zum ehernen Bestand der Bernhard-Gemeinde.

Diesmal hat er einen 100-stündigen (!) Film mit Freunden, Bekannten, Verwandten Bernhards gedreht und aus dem Rohmaterial 58 Gespräche ausgewählt. Die Interviews wurden in Monologform gegossen. Auf diese Weise verwandeln sich die Weggefährten fast zu Figuren des Bernhardschen Welttheaters. Gleichwohl verdichtet sich bei der Lektüre der Eindruck, den schon die Betroffenen selbst im Umgang mit dem Dichter hatten: Sie sind für ihn Statisten unterschiedlichen Grades gewesen. Thomas Bernhard war nun mal ein hemmungsloser Wirklichkeitsverwerter, ein liebenswürdiger Menschenfresser im Tarngewand des misanthropischen Einsiedlers.

Dass er im alltäglichen Verkehr vor allem durch geistreiche Blödeleien auffiel, ist nichts Neues. Die Politikergattin Gerda Maleta hielt bis zum Schluss am amikalen "Sie" fest. Gerne zitierte sie die charmanten Worte von Thomas Bernhard: "Ich kann nicht neben Ihnen schreiben! Sie haben vier Dekagramm Verstand und drei Kilo Sex!"

Sepp Dreissinger (Hg.): Was reden die Leute. 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard. Müry Salzmann, Salzburg. 384 S., 29 Euro.