Theatertreffen

Der Osten meldet sich zurück

Wer zu Tellkamp will, kommt an Schiller nicht vorbei: Der Weg zum "Tausendaugenhaus", einem der zentralen Orte des Romans "Der Turm", führt vom Schillerplatz über das Blaue Wunder zur Standseilbahn. Die wurde 1895 eröffnet, um die Villenkolonie "Weißer Hirsch" zu erschließen. Drei Euro kostet die Fahrt. Sie führt aus den quirlig-lärmenden Tiefen Dresdens, wo die Trams rattern und sich Verkehr vor jeder Elbbrücke staut, in höhere, beschaulichere Gefilde. In eine andere Welt.

In Uwe Tellkamps Roman benutzt Christian, der viele biographische Daten mit dem Autor teilt, die Standseilbahn, wenn er von seinem Schulinternat am Wochenende nach Hause fährt.

Heute ist hier die Phaeton-Dichte hoch, die Gläserne Manufaktur, wo VW sein Prestige-Auto montiert, liegt unten in der Stadt. Aber wo bitte geht's zum "Tausendaugenhaus"? Die Frau, die gerade ihren Wagen in die Garage fahren will, gibt gern Auskunft. Und bietet sogar an, den Fragenden hinzufahren. Der Autor würde selbst in dem Haus wohnen. Zu erkennen sei es an dem Zaun, der so aussieht wie der auf dem Buchumschlag. Drei Querstraßen weiter liegt es. "Tellkamp" steht auf dem Briefkasten. Aber ohne Voranmeldung, hier in diesem Viertel, das immer noch oder wieder Großbürgerlichkeit ausstrahlt? Nein, das geht nicht.

Aufstieg in die erste Liga

Tellkamp ist sehr gegenwärtig in Dresden - auch am Staatsschauspiel. Dort steht jetzt die Reisezeit unmittelbar bevor: Mit der "Turm"-Uraufführung gastiert die Bühne im Juni bei den Autorentheatertagen in Berlin. bei den Mülheimer Theatertagen ist das Haus mit Lutz Hübners "Die Firma dankt" vertreten. Nächste Woche geht's das erste Mal nach Berlin, wenn beim Theatertreffen Roger Vontobels Inszenierung von Schillers "Don Carlos" gezeigt wird.

"Die Einladung zum Theatertreffen gehört zu den höchsten Auszeichnungen des deutschsprachigen Theaters", schreibt das Staatsschauspiel auf seiner Homepage stolz. Eine Genugtuung. Für eine Bühne, die zu DDR-Zeiten zu den wichtigsten der Republik zählte, nach er Wende aber nicht die Klasse halten konnte. So ähnlich wie der Fußballclub Dynamo Dresden. Während die Kicker Aufstiegschancen in die zweite Liga haben, hat das Theater unter seinem seit knapp zwei Jahre amtierenden Intendanten Wilfried Schulz die Rückkehr in die erste Bühnenliga schon geschafft. Überregionale Zeitungen berichten über die Premieren, es gibt Kooperationen mit Partnern wie den Wiener Festwochen - und Einladungen zu prestigeträchtigen Festivals. Und rund 200 000 Besucher pro Saison - Tendenz steigend.

Intendant Wilfried Schulz freut natürlich die Einladung nach Berlin. Aber er ist auch davon überzeugt, dass das Theater einer Großstadt mit dieser Vergangenheit selbstverständlich in die erste Liga gehört und sich auf Augenhöhe mit den Bühnen in Bochum, Frankfurt/M., Hannover oder Köln bewegen muss.

Schulz, 1952 westlich von Berlin geboren und "mit vier Jahren über die Grenze geschoben", wuchs in West-Berlin auf. Er legte eine klassische Theaterkarriere hin, war lange Chefdramaturg an der Seite von Intendant Frank Baumbauer in Basel und Hamburg. Schließlich wurde Schulz selbst Intendant. Hannover brachte er mehrfach zum Theatertreffen. Abschied nach neun Jahren. Es war ihm dort zu kuschelig geworden, die Reibung fehlte.

An diesem Punkt ist er jetzt noch lange nicht. "Dresden ist ein langer Blick zurück, Gegenwart nur die Wasseroberfläche der Vergangenheit, die steigt und steigt", schreibt Tellkamp. Politischer Konservatismus ist hier kein Schimpfwort, sondern ein Adelstitel. Die Entfernung des "Beschwerdebuchs" im Foyer des Staatsschauspiels sorgte für Proteste - mittlerweile liegt es wieder aus. Chefdramaturg Robert Koall steht in der Tür und fragt, ob vor der Präsentation des Spielplans vor dem Freundeskreis noch etwas zu besprechen sei? Schulz verneint. Wenig später sitzen die beiden im "Felix" und präsentieren die neue Saison. Schulz überspielt seine Enttäuschung, als herauskommt, dass niemand im Saal den Dresden-Roman "Das steinerne Brautbrett" von Harry Mulisch kennt, den Stefan Bachmann im großen Haus inszenieren wird. Schulz empfiehlt nachdrücklich die Lektüre mit den Worten "viel dünner als Tellkamps Turm".

"Jawoll, Herr Hauptmann!"

Szenenwechsel Schwerin. Auch hier war das Theater zu DDR-Zeiten eine gute Adresse, Christoph Schroths Bühnenspektakel sind legendär. Schwerin ist Landeshauptstadt. Das herausgeputzte, verschlafene 95 000-Einwohner-Städtchen hat mehrere Seen und ein traumhaftes Märchenschloss. Entlang des abendsonnigen Pfaffenteichs gelangt man zum 100 Zuschauer fassenden E-Werk, der kleinen Spielstätte des Mecklenburgischen Staatstheaters. Drinnen herrscht dann auch eher Elektrisiertheit als beschaulich Schönes. In Herbert Fritschs Version von Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz" wird der Untertanengeist der Figuren schon in der ersten Szene herausgebrüllt: "Jawoll, Herr Hauptmann!" buckeln die zum Pulk zusammengepferchten Schauspieler im Chor - mit schöner Doppeldeutigkeit zwischen Militär-Oberem und Autor.

Das Fritsch-Theater lebt von prächtigen Slapstickiaden. Seine Figuren sind gelenkige Kunstpuppen mit stark geschminkten Gesichtern und überzeichnenden Kostümen. Vor simpler Ein-Wand-Kulisse mit Blümchentapete rattern sie den Text heraus, während ihre Körper sich selbständig machen und eine eigene Geschichte erzählen. Die Gier, die Herrschsucht, das Kriechertum stecken den Figuren in den Gliedern. Da rollen Augen beinahe aus ihren Höhlen, da blecken Zähne, krallen Finger, wackeln Hintern. Und auch nach dem Stück-Ende, beim Applaus stimmt man noch mehrmals jenen "There is plenty of gold"-Shanty an, mit dem schon zuvor böse plärrend die Geldstreberei besungen wurde. Das Publikum klatscht fröhlich im Takt. Der quirlige Regisseur Fritsch erlebt es, weil er sich den "Biberpelz" noch einmal ansieht - ist schließlich die Generalprobe, bevor es zum Theatertreffen nach Berlin geht.

Diese Einladung, die Schwerin überregional ins Gespräch bringt, habe ihn "sehr überrascht" und ein bisschen Glück gehöre natürlich auch dazu, sagt Generalintendant Joachim Kümmritz. Er sieht darin eine "Hommage an die einzigartige Stadttheaterlandschaft Deutschlands". Die Auszeichnung strahle über Schwerin hinaus und sei "für alle kleineren Theater wichtig".

Nur schade, dass diese Botschaft bei den Kulturpolitikern offenbar nicht angekommen ist. Das Theater in Schwerin genießt unter den von Spar- und Fusions-Plänen arg gebeutelten Bühnen Mecklenburg-Vorpommerns den besten Ruf. Weil aber eine Million Euro im Etat fehlen, bangt das Haus vor zwei Szenarien: Eine Fusion mit dem 100 km entfernten Rostock oder die Einleitung eines Insolvenzverfahrens. So märchenhaft Schwerin wirkt, die Zustände sind es keineswegs.