Hanif Kureishi: Mein Ohr an seinem Herzen

Vermächtnis für einen ewig Abgewiesenen

Irgendwann trifft es jeden. Man steht morgens vor dem Spiegel, rasiert sich, wäscht sich die Hände, blickt auf und den Anblick hätte man sich eigentlich gern erspart. Was man sieht im Spiegel, ist das Gesicht des Vaters. Jenes Mannes, der einem ähnlicher ist als jeder andere, was man aber - aus welchen Gründen auch immer - bis zu diesem Morgen gern zu ignorieren versucht hat.

Spätestens Mitte Vierzig aber ist der Versuch meistens gescheitert. Und dann muss man ein paar Sachen klären, sich dem Vater stellen, endgültig erwachsen werden. Es ist eines der nicht geringen Wunder dieses Frühjahrs, dass es uns geradezu im Dutzend Bücher beschert hat, in denen sich nun geballt und übersetzt die möglichen Aggregatzustände dieses sehr besonderen Verhältnisses spiegeln. Bücher der Rache sind das, wie David Vanns "Im Schatten des Vaters". Bücher der Abrechung wie John Burnsides "Lügen über meinen Vater", Thomas Harlans "Veit" oder Walter Kohls "Leben oder gelebt werden". Aber auch - und das ist neu - Bücher geradezu ehrenden Angedenkens, Bücher, in denen sich Söhne neugierig, geradezu liebevoll auf den Weg machen, das Denken des Vaters, den ganzen Vatermensch zu rekonstruieren - Arno Geigers "Der alte König in seinem Exil" ist so ein Buch. Hanif Kureishis "Mein Ohr an seinem Herzen" gehört eindeutig auch in diese Kategorie.

Vaters grüne Kladde als Vermächtnis

Eines Tages, da war der Vater schon lange tot, sitzt der Schriftsteller Hanif Kureishi in seinem Londoner Arbeitszimmer. Er ist jetzt fünfzig, er hat drei Söhne und will gerade ein neues Buch beginnen, da fällt ihm eine grüne Kladde ins Auge. Er weiß, was sie enthält - das Vermächtnis seines Vaters, einen Teil davon jedenfalls, einen der vielen Romane seines Vaters, die nie gedruckt wurden. Kureishi, berühmt geworden durch Drehbücher zu Filmen wie "Mein wunderbarer Waschsalon" und "Sammy und Rosie tun es" und durch Romane wie "Intimacy", hatte eigentlich ein ganz anderes literarisches Unternehmen starten wollen, einen Großessay zur Selbstvergewisserung. Plan war, die großen Bücher seiner Jugend wieder zu lesen - Kerouac, Salinger, Dostojewski - und nachzusehen, nachzuspüren, ob ihre Magie noch vorhanden, wohin sie verschwunden ist. Dann aber nahm Kureishi die grüne Kladde in die Hand und verlor sich in einem ganz anderen Projekt.

"Mein Ohr an seinem Herzen" ist das Ergebnis eines Closereadings des Vaterromans "An Age of Adolescence". Ein Buch wie eine Suchbewegung in Prosa, das zwischen Zeit- und Kulturgeschichtsessay, Autobiografie und Vaterbiografie hin und her schweift, durch die Zeiten, die Kontinente, die Generationen. Das Literatur ist und Beichte, Familienaufstellung, Rekonstruktion einer vergangenen Zeit und einer unbekannt gebliebenen Seele.

Shannoor Kureishi, der Vater, arbeitet bis zu seinem plötzlichen Herztod als Angestellter an der pakistanischen Botschaft in London. Wenn er nicht arbeitet, schreibt er. Romane, Erzählungen, Hörspiele, Dramen. Nichts davon wird gedruckt. Zwei Bücher veröffentlicht er, in denen er jungen Lesern Pakistan erklärt, ein paar Artikel auch über Cricket und Pakistan. Hanif, der einzige Sohn, wächst in einem Londoner Vorort, einer Idylle, auf. Die Krisen finden woanders statt. Noch gibt es nicht viele Pakistani, nicht viele Moslems da. Von Integration oder Problemen damit, ist keine Rede. Shannoor hat eine Weiße geheiratet und seine Existenz auf einem Boden voller Risse und Spalten errichtet, führt ein Doppelleben in mehrfacher Hinsicht. Das Schreiben ist sein Leben, mit Bürokratie verbringt er seine Tage. Shannoor ist ein Moslem, dessen Religion - das ist so in der ziemlich vielköpfigen, über beinahe alle Kontinente verstreuten Kureishi-Familie - aber die Literatur ist. Er ist Inder und Pakistani, Pakistani und Brite. Und nirgends gehört er richtig dazu. Shannoor Kureishi ist eine Übergangsfigur. Rassistisch verfolgt wurde er in Indien und in England. Sein Fluchtort ist der Schreibtisch. Er schreibt und schreibt. Dann schickt er seine Manuskripte weg und bekommt sie immer wieder zurück.

So schweift er hinein in "Age of Adolescence", in die Zeit kurz vor der Gründung Pakistans und in die Geschichte von Shani und Mahmood, hinter denen Hanif Kureishi wohl zu Recht seinen Vater und seinen Onkel, den erfolgreichen Schriftsteller, Kolumnist und Kricketreporter Omar, vermutet. Er rekonstruiert aus Shannoors Roman und Omars Autobiografie die Geschichte eines unterschwelligen Brüderkampfes und das Drama eines vernachlässigten, unerwünschten Kindes.

Der Fluch des Vater-und-Sohn-Seins

Und die Geschichte einer seltsamen Vater-Sohn-Beziehung. Shannoor nämlich ermutigt Hanif, Schriftsteller zu werden. Eine klassische Double-bind-Situation entwickelt sich. Hanif soll es besser haben als Shannoor, soll aber nicht besser werden. In den Bericht des Vaters spiegelt Hanif den eigenen hinein, erzählt von der Jugend in den Sechzigern und Maggie Thatcher, von Punk und erst fehlschlagender, dann gelingender Integration. Und letztlich erzählt er vom Fluch des Vater-und-Sohn-Seins durch die Generationen und Zeiten, von allmählicher Auflösung der Autoritäten und Rollen und Gewissheiten. Bei Murad, Shannoors militärisch geprägtem, Vater, herrschte noch Zucht und Ordnung und Härte. Shannoor wollte Freund und Mentor Hanifs sein und von ihm, dem Partner im literarischen Gemeinschaftsprojekt Kureishi selbst mentoriert werden. Seinen Sohn förderte er, wo er nur kann. Er sollte Schriftsteller werden. Er sollte seinen Traum, den Vatertraum, leben. Das ist ihm gelungen.

Hanif Kureishi "Mein Ohr an seinem Herzen". Fischer, 256 Seiten, 18,95 Euro.