Wissen

Rätselhafte Hauptstadt

Es ist ein faszinierendes Buch. Es stellt Fragen, es gibt Antworten, es handelt von Personen ebenso wie von Dingen, und es bietet Blickwinkel, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die drängende Frage, die das Buch aufwirft, ist, warum es nicht auf den Bestseller-Tischen der Buchhandlungen liegt: Das Statistische Jahrbuch Berlin 2010.

Wenn Umberto Eco sagt, dass ein Roman eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen ist, dann ist dieses Buch ein Turbogenerator. In den Tabellen sind Schicksale verborgen, es lassen sich Dramen herauslesen, sogar kriminologische Fragen aufwerfen. Das Fachwissen unzähliger Spezialisten verdichtet sich zu einem facettenreichen Bild unserer Stadt: bunt, abstrus und dabei unbestechlich.

Der Einstieg beginnt ganz unspektakulär. Berlin geographisch: Die Höhe seiner Berge, die Fläche seiner Gewässer und die Größe seiner Naturschutzgebiete, die mittlere Temperatur und die Niederschlagsmenge nach Monaten geordnet. Dann wendet sich der Blick den Menschen zu, wir erkennen die tannenbaumförmige Alterspyramide, mit Pillenknick, und den Geburtenausfall im Zweiten Weltkrieg, um auf den nächsten Seiten weit zurück in die Geschichte geführt zu werden. Wie die Einwohnerzahl von 1600 (ca. 9000) erst allmählich, dann rasant nach oben ging, ihren Gipfel im Jahr 1942 (!) erreichte (4,48 Mio.) - kurz danach der Zusammenbruch von 1945 (2,81 Mio.). Wir stellen überrascht fest, dass der Mauerbau für Gesamt-Berlin gar nicht so dramatisch zu Buche schlug und enden bei 3 442 673 Einwohnern im Jahre 2009. Mit mir und Ihnen macht das dann 3 442 675.

Spätestens ab da ist die Spannung so groß, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann, vorauszublättern. Wer will, kann natürlich das Statistische Jahrbuch brav von vorne bis hinten durchlesen, man kann es aber auch, wie die Bibel, irgendwo zwischendrin aufschlagen und wird auf jeder Seite Wahrheiten finden. Es wimmelt von unerhörten Sachverhalten, von Statistiken, von denen man nicht ahnte, dass sie geführt werden.

Zum Beispiel wird man finden, dass sich die Zahl der Notrufe seit 1993 von 975 420 auf 1 386 192 gesteigert hat, die Anzahl der Funkwageneinsätze aber seitdem von 860 964 auf 647 191 zurückgegangen ist. Das heißt, früher kam die Polizei fast bei jedem Notruf, heute nicht mal bei jedem zweiten! Eine Folge des Aufkommens der Mobiltelefone, einer sinkenden Hemmschwelle für die 110 oder einer zunehmenden Dickfelligkeit der Polizei?

Diesen Eindruck bekommt man auch, wenn man die Statistik der Unfälle mit wassergefährdenden Stoffen betrachtet. In den 90er Jahren müssen einige Akteure ein chronisch schlechtes Händchen gehabt haben. Spitzenreiter ist das Jahr 1997 mit 43 Unfällen! Im Jahr 2008 gab es nur 5 Unfälle. Wer nun glaubt, heute sei alles besser, der irrt. Das freigesetzte Volumen von wassergefährdenden Stoffen war 2008 mit 13,8 m³ ähnlich hoch wie 1997 (18,9 m³). Doch seltsamerweise lag in den 90er Jahren die Wiedergewinnungsquote durchgängig bei über 90 Prozent, während die derzeitige bei skandalösen 2,2 Prozent liegt! Man steckt offensichtlich seine ganze Energie in die Prävention von Unfällen mit wassergefährdenden Stoffen, lässt dabei aber deren Wiedergewinnung völlig schleifen! Ähnliche Wurstigkeit wie bei den Funkwageneinsätzen? Fragen an den Feuerwehrmann um die Ecke.

Ja, einiges ist besser, einiges schlechter geworden in den letzten Jahren: Die Berliner Weizenproduktion hat sich verdoppelt, die Zahl der Zangengeburten ist von 1305 auf 82 zurückgegangen, und unsere Arbeitslosen sind zu 53,2 Prozenten mit digitalen Fotoapparaten ausgestattet.

Oft steigen die Autoren tief in die Mikrostruktur der Stadt ein, schlüsseln uns die Statistiken nach Bezirken auf: Dabei entdeckt man zum Beispiel, dass bei der Zahl der Hundehalter pro Einwohner der Bezirk Marzahn-Hellersdorf vor den Bezirken Reinickendorf, Steglitz und Spandau den ersten Platz belegt.

Wir erfahren auch einiges über die unterschiedlichen Temperamente fremder Völker: So ist zum Beispiel die Anzahl der Touristen aus Island im Jahr 2009 um 41,9 Prozent gesunken. Das erscheint zunächst plausibel, da Island als eines der am härtesten von der Finanzkrise betroffenen Länder gilt. Doch den Isländern stehen die griechischen Touristen gegenüber, deren Anteil im selben Zeitraum um 30,4 Prozent gewachsen ist.

Doch auch der dramatische Wandel in den zwischenmenschlichen Beziehungen hierzulande wird präzise erfasst: Das durchschnittliche Heiratsalter der Männer lag im Jahr 2000 bei 37,5 und stieg auf 39,0 im Jahr 2009. Das bedeutet einen Anstieg um 1,5 Jahre, wohingegen das Heiratsalter der Frauen nur um 0,3 Jahre anstieg! Faszinierend, wie sich hier die wachsende männliche Bindungsangst im Hinausschieben des Zeitpunkts der Eheschließung numerisch erfassen lässt! Eine berechtigte Angst, denn in Berlin wurden im vorletzten Jahr 7395 Ehen geschieden. Und in 4189 Fällen waren dabei die Frauen die Antragsteller! Frauen wollen demnach schneller in die Ehe hinein, aber auch schneller wieder raus, wohingegen die Männer die Verfechter des beziehungstechnischen Status Quo zu sein scheinen. In 247 Fällen waren die Antragsteller beide Ehepartner, und 246 Ehen wurden auch geschieden - doch was ist mit der 247. Ehe, deren Auflösung zwar beide Partner beantragten, deren Antrag aber abgelehnt wurde? Was ist da passiert? Haben sie ein Formular falsch ausgefüllt oder war der Richter der Meinung, dass die beiden doch zueinander passen und hat sich geweigert, das Paar zu scheiden?

Die Einsen sind in jeder Statistik ein Faszinosum. Hinter jeder 1 verbirgt sich eine Person, ein Schicksal, das zu Spekulationen und Träumereien Anlass gibt. Es gibt in den Berliner Krankenhäusern 611 Chirurgen davon 17 Herzchirurgen und unter ihnen ist nur 1 Frau. Die Herzchirurgin von Berlin! Die einzige! Wer ist diese unbekannte Heldin? Bietet ihr Leben vielleicht den Stoff für eine Fernsehserie, einen Arztroman, oder gar ein Musical? Eine ganz mysteriöse 1 finden wir bei den Asylbewerberregelleistungen. Unter 10 528 Asylbewerbern, die Leistungen erhielten, gab es nur eine einzige Person, die einen Wertgutschein ausgestellt bekam! Dieser Bewerber war männlich und kam aus Vietnam. Was um Gottes Willen war da los? Warum bekam ausgerechnet diese eine Person einen Wertgutschein, während die anderen 10 527 Sach- oder Geldleistungen erhielten?

Einen richtigen Schocker hat das Amt für Statistik auf Seite 225 parat. Man liest seelenruhig die Diagnosestatistik über die entlassenen stationären Behandlungsfälle der Krankenhäuser, stellt getrost fest, dass sich die Zahl der Sterbefälle bis 2007 konstant um die 17 000 bewegt um dann plötzlich im Jahr 2008 auf 260 578 hochzuschnellen. Ungläubig starrt man auf die Horrorzahl. Hat die Vogelgrippe heimlich doch zugeschlagen? Gab es Naturkatastrophen, die man verpasst hat, weil man wieder mal den Berlin-Teil überblättert hat? Man hält den Atem an. Surprise, Suspense, Mystery! Erst wenn man aus der Schockstarre erwacht und weiter liest, kommt man auf die Lösung: Die Zahl der Operierten in der Zeile darunter soll 2008 um ein Zehnfaches auf 16 875 gesunken sein! Ein Zeilendreher. Berlin ist an einer Katastrophe vorbei geschrabbt.

Ein großes Mysterium ist auch das Berliner Urnenwunder: 10 029 Einäscherungen stehen 24 144 Urnenbestattungen gegenüber. Woher kommen die zusätzlichen 14 115 Urnen, und was ist in ihnen enthalten? Nicht eingeäscherte Leichenteile? Gibt es Schwarzbrennereien, oder ist Berlin schlicht und einfach Nettoimportland von Urnen? Vielleicht möchten ja auch 14 115 emigrierte Berliner pro Jahr in der alten Heimat ihre letzte Ruhe finden.

Auf jeden Fall gibt es in Berlin 434 371 Straßenbäume, (davon 35 Prozent Linden!), es leben in den Zoos 93 Pinguine, es gab 223 622 Bußgeldbescheide, 322 Ballett- und Tanztheateraufführungen, 13 Drillingsgeburten, 17 667 Volkshochschulkurse, davon die meisten im April, 1857 Erstkommunionen, Berlin hat 98 894 Hundehalter, 206 757 Planetariumsbesucher, es wurde Fleisch für 95,4 Millionen Euro importiert, und die Forderungen der 7748 Berliner Insolvenzen belaufen sich auf 4,59 Milliarden!

Wie das Buch ausgeht? Nun, das kommt auf die Lesart an. Liest man es chronologisch, steht am Ende der traurige Vergleich deutscher Großstädte: Die Gemeindesteuereinnahmen Berlins liegen mit 758 Euro pro Einwohner wesentlich unter denen von Hamburg (1653), München (1753) oder gar Frankfurt/Main (2355). Für mich endete das Buch aber mit einem Happy End: Der Grundwasserspiegel blieb konstant!

Statistisches Jahrbuch 2010 Berlin, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Kulturbuch-Verlag, 539 Seiten, 30 Euro.

Morgenpost-Autor Thomas Pigor

Seit Ende der Siebzigerjahre ist er als Musikkabarettist auf den Bühnen unterwegs. Seine Texte beziehen sich oft auf aktuelle Ereignisse. In Berlin ist er vor allem im Duo "Pigor & Eichhorn", das den Deutschen Kleinkunstpreis 1999 erhielt, bekannt geworden.

Frauen wollen laut Statistik schneller in die Ehe hinein, aber auch schneller wieder raus.