Geitels Geschichten

Meister der kurzen Form

Es kann gar nicht anders sein, aber man staunt immer aufs Neue: Die junge Generation der Komponisten schließt sich, ob sie will oder nicht, allmählich mit der älteren zusammen. Das ist nun einmal der Lauf der Welt, selbst wenn man nicht komponiert.

Peter Ruzicka, Dr. jur, ist so ziemlich alle Wege gegangen, die man einschlagen kann, wenn man ein ideenreicher Musiker ist. Ruzicka, 1948 in Düsseldorf geboren, tauschte das kompositorische Handwerk für einige Zeit mit dem animatorischen, das ein Höchstmaß an Phantasie verlangt - und einen breiten Rücken.

Ruzicka war gerade mal 32 Jahre jung, da übertrug man ihm die künstlerische Ausrichtung des Rias-Symphonie-Orchesters in Berlin. Mit 40 übernahm er die Opernintendanz in Hamburg und dies gleich für elf Jahre. Einige Jahre danach verpflichtete er sich als Chef den Salzburger Festspielen. Zuvor hatte er sich schon als Animator der Münchner Biennale für die Moderne hervorgetan. Er war von Musik besessen. Kein Wunder: Im Grunde war er von Anfang an Komponist.

Nur gehörte er unglücklicherweise nicht der Nachkriegsgeneration an, der es, basierend auf Arnold Schöneberg, Anton Webern und einem gerüttelt Mass an unersetzlich eigener Überheblichkeit, auf ziemlich doktrinäre Weise gelang, sich europaweit an die Spitze der musikalischen Weiterentwicklung zu setzen. Die Führungspositionen waren längst von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono besetzt. Im Abseits glänzte Hans Werner Henze. Der aber war immerhin über 20 Jahre älter als Ruzicka. Es galt also für diesen, sich ein völlig unabhängiges kompositorisches Leben zu erfinden. Das brauchte Geduld und Zeit. An Einfällen bestand bei ihm niemals ein Mangel.

Sie flossen ein in eine Fülle kürzerer Kompositionen der unterschiedlichsten Art. Mitunter schien es, als liege gerade in ihrer Kürze ihre Würze. Ruzicka, ein erfindungsreicher Aphoristiker der Musik, benötigte keine vier Sätze, um sich auszusprechen. Außerdem erregte gerade das Abgelegene, Einmalige seine nachdrückliche Aufmerksamkeit. Als einen "selbstbewussten Selbstbezweifler" hat Manfred Trojahn, sein Komponistenkollege, Ruzicka voller Respekt charakterisiert.

Tatsächlich verbarg Ruzicka seine Originalität eher, als dass er sie ausstellte. Nur einmal tat er das bislang in ganz großem, unverwechselbar eigenem Stil. Er errichtete in der Oper dem von ihm bewunderten Lyriker "Celan" ein musikalisches Monument. Er hatte früh schon seine Bewunderung für Paul Celan, den Tragiker unter den Dichtern, zu erkennen gegeben. Im Grunde fühlte er sich ihm wohl in seiner Einsamkeit, der er durch Selbstmord entfloh (Celan ertränkte sich 1970 in Paris in der Seine) geistig verwandt. Ruzicka feierte nun in einer Folge gut sortierter Bilder sein Andenken. Mehr noch: Er zeichnete unter dem Namen Celan gewissermaßen ein tragisch umflutetes Selbstporträt mit den eigenwilligsten musikalischen Mitteln und ging in seiner Bewunderung für den großen Toten vielleicht ein paar Takte zu weit. Die Oper erspielte sich einen Hochachtungserfolg.

Ruzicka hatte sich zweifellos von ihr mehr erwartet: erbarmungsvoller Verkünder einer musikalischen Jenseitigkeit altklassischen Stils in makellos neuem Gewande. An den allzu hohen Ansprüchen an sich selbst geht man in der Oper aber noch immer verlässlich zugrunde. Das Publikum hört Musik nun einmal nicht mit philosophisch trainierten, sondern mit traditionell strapazierfähigen Alltagsohren.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern