Antú Romero Nunes

"Theater bleibt immer eine Lüge"

Es gibt Theatermomente, die vergisst man lange nicht. Zum Beispiel jene magischen Minuten in Antú Romero Nunes' "Der Geisterseher" nach Friedrich Schiller, in dem Paul Schröder mit einem Zeugen die Bühne verlässt: Währenddessen setzt sich Jirka Zett kurz auf einen von drei Stühlen und kehrt dann auf seinen Platz zurück.

Schröder erspürt anschließend, um welchen Stuhl es sich handelt. Er liegt richtig! Verblüffung unter den Zuschauern, Triumphgesten bei Schröder, dem großen Zauber-Zampano. Bis Zett mit Unschuldsmiene den Trick erklärt: Alles war ein abgekartetes Spiel.

Schröder ist zutiefst verletzt, das Publikum zumindest teilweise enttäuscht: Auch Bühnenmagie ist gemacht. Ein typischer Moment für Antú Romero Nunes. Der Regisseur ist erst 27, an so großen Bühnen wie dem Thalia Theater Hamburg und dem Schauspiel Frankfurt unterwegs, wurde 2010 bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift "Theater heute" zum "Nachwuchsregisseur des Jahres" gewählt. Seit dieser Spielzeit ist er Hausregisseur am Maxim Gorki Theater. Hier inszeniert Nunes gerade Luchino Viscontis Film "Rocco und seine Brüder". Am morgigen Donnerstag ist Premiere.

Trotz des Erfolgs ist der dunkelbraune Wirrschopf mit Fünftagebart und breitestem Schalck-Grinsen ziemlich auf dem Teppich geblieben. Dem Theater begegnet er immer noch mit einer großen Portion Skepsis: "Ich hab als Regisseur eine permanente Krise mit dem Theater, weil es immer Behauptung, immer Lüge bleibt", sagt er. "Ich muss es immer wieder neu verstehen."

Spiel mit dem Publikum

Vielleicht hat diese Skepsis damit zu tun, dass Nunes zunächst nichts mit dem Theater zu tun hatte. Er wuchs in Tübingen als Sohn eines Portugiesen und einer Chilenin auf. Das Interesse am Theater entdeckte er in der Schule, stand selbst auf der Bühne, schrieb Stücke. Und war sich irgendwann sicher, dass er Regisseur werden wollte. "Und zwar hundert Prozent, sonst findet man nicht heraus, ob man das überhaupt kann oder auch will." Er assistierte beim Theater und beim Film, bevor er an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" als Regiestudent angenommen wurde.

Wohlgefühlt hat er sich dort nicht, traf aber seinen Mentor Jan Bosse. Der hatte Interesse an Nunes' Ansätzen, ermunterte ihn dazu, seine eigene Sprache zu entwickeln. Bosse behielt Recht - Nunes' Diplominszenierung von "Der Geisterseher" im Gorki-Studio wurde zum Durchbruch und 2010 zum Münchner Festival "Radikal jung" eingeladen, wo sich alljährlich die Elite des deutschsprachigen Regienachwuchses versammelt. Schillers Romanfragment stellt er vom Kopf auf die Füße, macht die anfängliche Skepsis des Prinzen wie seine zunehmende Verwirrung unmittelbar erlebbar. Zetts blonder "kleiner Prinz" und Schröders mysteriöser Fremde, Freund und Magier spielen miteinander und dem Publikum, als gelte es, allein mit Energie und Fantasie die großen Weltfragen zu lösen. Mit Windmaschine, Konfetti, Diskokugel, Weihrauchbecher schaffen sie mysteriöse Atmosphären und Situationen, die der Klassiker-Kolportage faszinierend entsprechen.

Zunächst bekam "Der Geisterseher"-Abend kaum Aufmerksamkeit, dann sprach er sich herum. Nun liefen die Anfragen aus Hamburg, Frankfurt, Essen ein. Auch Berlin blieb dran: Am Gorki-Studio polierte Nunes 2010 die Uraufführung von Oliver Klucks eher mäßigem Wut-Text "Das Prinzip Meese" zu eineinhalb Stunden prallstem Theater auf. Die bauchnabelbeschauende, stets ironisch getönte Langeweile der Generation Praktikum zwischen Fernsehbildung, Kurzarbeit und Alltagsagonie zelebrieren Anika Baumann und Michael Klammer in ihrem Bühnen-Kinderzimmer als grandiose Improvisationsshow.

Der Entspanntheit während der Proben, wo die zwei Schauspieler so auf den Matratzen lümmelten, wie sie es später auch auf der Bühne tun, standen die Ängste danach gegenüber, wo Nunes "ganz schön die Pumpe ging": "Die Schauspieler vertrauen mir so sehr. Am Ende gehen sie da raus, weil ich sie bewaffnet habe. Wenn ich das schlecht gemacht habe, dann scheitern sie." Aber normalerweise überträgt sich seine Begeisterung und Entspanntheit auf die Schauspieler: "Ich mach' das halt einfach gerne, und ich denke, das merken die Leute auch."

Diese hellwache Entspanntheit, die gerade die Schauspieler an Nunes rühmen, überträgt sich auch im Gespräch mit ihm. Selbst, wenn es um die Grenzen des Möglichen geht: Im ersten Jahr als freier Regisseur hat sich Nunes überfordert, hat mit bekannten Schauspielern wie mit Laien gearbeitet, unterschiedlichste Stoffe ausprobiert. Jetzt plant er auch schon mal Pausen ein: Im Februar war er für ein paar Wochen in Chile. Keine schlechte Idee, immerhin geht es jetzt mit "Rocco und seine Brüder" zum ersten Mal auf die große Bühne.

Etwas Eigenes aus dem Film machen

Viscontis Film von 1960, der dem jungen Alain Delon zum Durchbruch verhalf, erzählt von Rosaria und ihren vier Söhnen, die aus dem italienischen Süden nach Mailand ziehen. Zusammen mit dem dort lebenden fünften Sohn wollen sie ein neues Leben beginnen. Doch in der Großstadt bröckelt der Zusammenhalt. "Der Film zeigt, wie Industrialisierung und Kapitalismus uns trennen und vereinzeln", sagt Nunes. "Zu was setzt man sich dann noch in Beziehung? Entscheide ich mich für die Karriere? Die Liebe? Mich interessiert die Suche nach einer Sinngebung im Leben. Wenn man keine Wurzeln mehr hat, wer ist man dann noch?"

So unorthodox, wie er Friedrich Schillers Romanfragment auf die Bühne brachte, darf man sich wohl auch seine Kino-Adaption vorstellen. "Was der Schnitt im Film macht, kriegt man im Theater über die Ebenen hin", beschreibt Nunes sein Verfahren. Zum Beispiel über die Ebene der Musik - Johannes Hofmann, mit dem der Regisseur schon im "Geisterseher" und "Das Prinzip Meese" zusammengearbeitet hat, zitiert punktuell die Filmmusik von Nino Rota. Eine Nacherzählung des Films jedenfalls wird die Fassung des Gorki Theaters bestimmt nicht - nur sieben Schauspieler stemmen den Abend. Etwas anderes bleibt einem bei 177 Film-Minuten und einer ziemlich umfangreichen Besetzungsliste auch kaum übrig. "Da gibt es nur eine Chance: etwas Eigenes draus machen."