Theater

Ohne Zahnbürste in der Hölle

In der Hölle braucht es nicht unbedingt offene Grill-Feuer und kleine Teufelchen mit spitzen Spießen. In Jean-Paul Sartres Drama "Geschlossene Gesellschaft" ist die Hölle ein Hotelzimmer, sogar ein relativ gemütliches, mit Diwan und Sofa.

Und die drei Toten, die dort zusammentreffen, müssen erkennen, dass sie einander selbst die Hölle sind, ein Mensch dem anderen. Das Reich der Toten meint die Welt der Lebenden.

"Geschlossene Gesellschaft" war das erste Stück, das in Paris nach dem Abzug der deutschen Truppen gespielt wurde. Die Schauspieler der Uraufführung, 1944, gehörten alle der Résistance an. Der Autor hatte sein Stück ausdrücklich so angelegt, dass es auch für Anfänger geeignet sein sollte. In Deutschland wurde es erstmals vor sechzig Jahren, in Hamburg, gespielt. Es war später besonders auch bei kleinen Bühnen und Laientheatern beliebt.

Die drei Toten biegen sich nachträglich ihre Lebenslügen zurecht. Alle sind sie schuldig geworden. Der Journalist Garcin, der beim Eintreffen in dieser Hölle eine Zahnbürste vermisst, hat seine Frau schäbig behandelt und ist als Deserteur erschossen worden. Jetzt fürchtet er nichts mehr, als vor den anderen und sich selbst als Feigling dazustehen. Die lesbische Inès ist schuld, dass der Mann ihrer Freundin sich das Leben nahm. Inès ist scharf auf Estelle, die ihr eigenes Kind umgebracht hat. Estelle aber wäre eher an Garcin interessiert, der wiederum Inès als intellektuellen Widerpart braucht.

Das Trio infernal macht sich das Totsein zur Hölle; es spielt Strindberg im Fegefeuer. Und nicht einmal mehr umbringen können sich die Drei. Sie sind ja bereits mausetot. Allerdings reden sie gute zwei Stunden lang. Und das, obwohl Sartres philosophische Maximen in diesem Text keineswegs so klar und offen zutage liegen, wie immer wieder und jetzt auch am Gorki-Theater behauptet wird.

Die Inszenierung von Felicitas Brucker macht auch nicht unbedingt klarer, was es mit der Verantwortlichkeit des Einzelnen in jeder Phase des Lebens auf sich hat. Die Hölle ist hier zwar modernisiert, aber nicht unbedingt spieltauglicher geworden. Anstelle der Polstermöbel baumeln Schaukelbänke in einem laborartigen weißen Raum, an dessen Metallgestänge die Darsteller herumturnen. Statt eine starke Spannung zwischen den Figuren herzustellen, ihre Aggressionen, sexuellen Begehrlichkeiten und gedanklichen Auseinandersetzungen zu schärfen, denkt sich die Regisseurin lieber überflüssige Details aus.

Die Toten müssen anfangs mucksstill in Leichensäcken ausharren. Manchmal werden Video-Filmchen mit ihren Gesichtern und Außenaufnahmen als Erinnerungs- oder Assoziations-Bilder projiziert. In dieser Hölle regiert eine fidele Betriebsamkeit. Man beschmiert sich mit weißer Farbe, als könnte man sich vor den hellen Wänden unsichtbar machen.

Anja Schneider, als lesbische ehemalige Postbeamtin, spielt koboldhaft die ausdrucksstärkste Figur. Sie hält sogar gelegentlich witzige Distanz zum Text. Robert Kuchenbuch zeigt als Deserteur Garcin gehörige Zerknirschung. Als Estelle ist zuletzt die junge Schauspielstudentin Ninja Stangenberg eingesprungen. Und Johann Jürgens gibt den Hotel-Zerberus. Er bedient allerlei Blas- und Saiteninstrumente und beweist singend seine Französischkenntnisse. All diese Zutaten sind nicht unbedingt hilfreich.

Ein gesundheitliches Problem im Parkett sorgte für Unterbrechung der Premiere. Solcherlei Vorfälle bringen den Schauspielern erfahrungsgemäß einen Zuschuss an Sympathie. So auch hier. Dennoch verfestigt sich bei dieser Inszenierung der Eindruck, der eigentlich Tote sei - das Stück selbst.

Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben. Tel. 202 21 115. Termine: 27.Dezember, 5.Januar.