Ausstellung

Die Charlottenburger Kunstszene rüstet auf

Was für ein Theater! In der Galerie Michael Schultz in der Mommsenstraße 34 sitzen "13 an einem Tisch", so der Titel eines Skulpturen-Doppels des chinesischen, in Berlin lebenden Künstlers Feng Lu.

Seine Apostel der Gegenwart haben es in sich: Als Teilnehmer einer Konferenz schläft ein Mann, eine Frau hebt den Zeigefinger, zwei andere schmieden irgendwelche Ranküne. Doch im Grunde, so lehrt die Kunst, möchten alle etwas anderes. Den bunt-realistischen Figuren steht daher eine Gruppe weißer Traumgestalten gegenüber. Die haben Tierköpfe oder ein Uhrwerk anstelle des Gesichts. Die Frau mit dem Zeigefinger krönt gar eine Haube aus Mauersteinen.

Feng Lu will zeigen, "dass jeder in einer Traumwelt lebt". Das jüngste Werk, ein Relief, zeigt hingegen das Brandenburger Tor in einem Meer aus ungiftigem Acrylharz: ein Alptraum-Szenario mit sinnfälliger Krisen-Metaphorik.

Von Krise kann aber keine Rede sein, wenn - wie am Donnerstagabend - 27 Galerien in Charlottenburg zum "after work", zum Besuch am Feierabend, aufrufen. "Viele Berufstätige haben unter der Woche sonst kaum Zeit, sich Kunst anzusehen", sagt Klaus Brennecke, Galerist und Initiator des Vergnügens. Schon zum zweiten Mal lockten Öffnungszeiten bis 21 Uhr.

Bei Brennecke in der Mommsenstraße 45 ist es die Wienerin Franziska Maderthaner, die mit einer Serie zum Thema "ungemachte Betten" das Gemüt wärmt. Eine Straße weiter, in der Galerie Friedmann-Hahn in der Wielandstraße 14, wartet gemaltes Licht, Titel: "Warten auf Vermeer". Die aus Riga stammende Edite Grinberga zeigt je ein Werk des Altmeisters als Bild im Bild auf weißer Wand, mit zarten Lichtschattenspielen. Sechs Werke, zwischen 5000 und 10 000 Euro, sind bereits gekauft. Eines von Kulturstaatssekretär André Schmitz, der Grinberga auf seinen Landsitz einlud, um dort das Tageslicht am Fenster malerisch einzufangen.

Carsten Seifert von Friedmann-Hahn zieht ein positives Resümee: "Dieses Jahr war für uns erfolgreicher als die Jahre vorher. Die Leute besinnen sich auf Qualität." Mit Künstlern wie Pavel Feinstein, Rolf Ohst, Caroline Weihrauch, Sasa Makarova fand die Galerie Anklang - Figuratives steht hoch im Kurs.

Die Bronze-Skulpturen von Markus Schaller und die Menschenbilder von Rocco Hettwer glänzen in der Galerie Brockstedt, Mommsenstraße 59. Schaller lässt ein Boot auf vielen Metallplatten treiben, Hettwer zeigt eine Blondine bei einer Art Massage - oder ist es Mord?

Eindeutiger sind da die Fotos in der Galerie Johanna Breede in der Fasanenstraße 69. Louis Stettner hat in den 50er-Jahren Paris und New York so poetisch abgelichtet, dass manche Bilder weltberühmt sind. Wie die "Place de St. Augustin": Dort spiegelt sich eine Häuserzeile in einer Pfütze. Einen solchen Mikrokosmos der Kunst bietet das Konzept "after work" - man freut sich schon aufs nächste Mal.