Villa Schöningen

Andy Warhol und seine Katze

Goethe war 25, als sein "Werther" zum Bestseller wurde. Andy Warhol ging auf die Dreißig zu, als er Katzen zeichnete, die so friedlich posieren, wie es nun einmal Art des sturm- und dranglosen Haustiers ist. Und man kann nicht sagen, dass er mit seinen "25 Katzen namens Sam und eine blaue Muschi" Werthersche Berühmtheit erlangt hätte.

Man kann aber vielleicht doch sagen, dass er jung schon alles gegeben hat. Natürlich ließe sich darüber spekulieren, ob Sam und Muschi auf dem Kunst-Parkett noch heute wohl gelitten wären, wenn ihr Zeichner nicht wenig später eben dort eine spektakuläre Ladung Brillo-Boxes abgeladen hätte. Kunsterfolg wird noch immer an der jähen Übereinkunft gemessen. Mit einem Mal verfängt sie, die unvermutete Behauptung, die brillante Selbstinszenierung, die widerspenstige Gebärde, das schrille Signal, das den Werkbeginn markiert, das seine Zeitrechnung in Gang setzt. Das ist das vitale Erbe der avantgardistischen Moderne, auch wenn sie längst zum Mythos geworden ist. Kunst hat lauthals zu beginnen. Wem sie nicht gleich in Scharen nachlaufen, der braucht gar nicht zu warten, bis sie ihm irgendwann zusehen, zuhören. Und wenn einer wie Andy Warhol erst einmal im Bett liegt, die Katze auf dem Bauch - es gibt traute Fotos von beiden - und sich zeichnend gleichsam auf die Bühne döst, dann muss der Geniestreich schon noch kommen. Dabei erscheint doch viel spannender, wie Geniestreich und Dösen im Lebens- und Werkinneren zusammenhängen.

Das Frühwerk ist gut erschlossen

Es hat gar nicht ausbleiben können, dass man dem Jahrhundertkünstler Warhol, dem ja schon immer ein leichter Schatten gelassener Alterslosigkeit auf den Zügen lag und der bei allen skandalösen Umtrieben in seiner Factory stets einen etwas regiemüden Eindruck hinterließ, auch beim uranfänglichen Dösen zusehen wollte. Das allein schon vom Umfang her respektable zeichnerische Frühwerk ist gut erschlossen. Unvergessen eine große Retrospektive, die Ende der neunziger Jahre ihre Tour machte und die Kunstphilologie zu schönsten Anstrengungen ermannte: "Was wir sehen", las man damals mit Interesse, "ist (...) ein unverschämt in seiner Nase bohrender Junge. Die Unanständigkeit liegt darin, dass der Junge nicht nur ohne Hemmung, sondern auch demonstrativ popelt." Und das goldene Katalogbuch, das bereits zwanzig Jahre zuvor Rainer Crone herausgegeben hatte, ist einem lieb bis heute. Die Texte beginnen mit Hegels Begriff des Kunstschönen, und die geistesgeschichtlichen Verweise hetzen sich so ungestüm, dass einem um die sittliche Hebung des "Nasenbohrers" schon seinerzeit nicht bange war.

Wohl lassen sich diese Fünfzigerjahre-Zeichnungen kaum anders betrachten als vor dem Hintergrund des entwickelten Werks. Dabei könnte man durchaus den genuinen Zeichner rühmen. Andrew Warhola hat sein Handwerk wirklich verstanden. Die Liniensicherheit, die sich schon in den Schülerheften nachweisen lässt, ist außerordentlich. Er muss nicht viel korrigieren, bis Sam und Muschi in ihrer makellosen Silhouette sitzen. Dass er - hoch talentiert - als Werbegrafiker bei Harper's Bazaar, Vogue oder der New York Times auskömmliche Aufträge erhielt, kann schwerlich verwundern. Und doch ist es nicht eigentlich die stupende Technik und schon gar nicht die vermeintliche Provokation des Nasenbohrers, die den Reiz der Blätter ausmacht.

Vielmehr noch fasziniert dieser unangestrengt schweifende Blick, das eigentümlich willensfreie Dies und Das, das Warhols Zeichnen motiviert. Es ist wie wunderbare Belanglosigkeit, von der er sich mehr verführen lässt, als dass er sich für sie entschieden hätte. Da interessieren alte Bilderbogen und abgetane Eleganz, dann weckt ihn die sinnliche Neugier an Körpern und Mode, an spitzen Schuhen, kapriziösen Accessoires, leichthändig, so scheint es, eignet er sich die Gefühlsformeln des Kinos an, verbringt Traumtage in der hierarchielosen Dingwelt des Alltags. Hätte das alles nicht auch für sich Bestand? Oder was wäre, wenn es nur den Warhol vor Warhol gegeben hätte, wenn auf das Jugendwerk nicht die berühmten Titel gefolgt wären, die den Maler bald in die Charts gebracht haben? Man muss sich das einen Augenblick lang vorstellen, dieser Alpha-Künstler, der die massentauglichen Geschmacksvorstellungen und Kulturstandards des 20. Jahrhundert prägen sollte wie vielleicht nur noch Picasso, wäre ein Fall für Kunstphilologen und Nasenbohrer-Deuter geblieben, mit seiner ganzen unkünstlerischen Zeichenkunst in den Schubladen der Kupferstichkabinette und in den Mappenschränken der Privatsammler verschwunden.

Verwegene Gedanken, die vor der Übermacht des Karriereschicksals zerbröseln wie der Goldstaub, mit dem der Zeichner seine "Sunset and evening shoe"-Entwürfe bestäubt hat. Man kann die verbindliche Aufstiegskurve vom begabten Schüler zum reifen Meister auch in der Akte Warhol nicht einfach knicken. Und es macht noch immer Spaß, den Zeichner auf seinem katzengesäumten Weg zum Maler, Reproduktionsartisten, Kunstfabrikanten, zum Universalkünstler und Totalkünstler zu beobachten. Wie da bruchlos, umstandslos die eine Profession in die andere übergeht; wie ohne Wechsel der Emotionen, Haltungen und Methoden die Galerie der "liking things" aufgefüllt wird; wie da jede Gelegenheit recht erscheint, die reine Differenzlosigkeit zu behaupten, das angenehme Gleichgewicht zwischen den hohen und den niederen Dingen, den skurril gewichtigen und vollends lächerlichen, das alles bleibt schon ein Vermächtnis und ein währendes Geheimnis auch.

Schaut auf Sam und Muschi: Was an Warhols Bildern so nachhaltig irritieren wird, ihre sorgsam gehütete Referenzlosigkeit, das ist hier längst vorgebildet. Und wenn in den frühen Sechzigerjahren die Suppendose aufs ästhetische Podest gerät und die Zeichenhand gleichermaßen suppendosenmäßig brilliert, dann ist auch vollends heraus, was den Warhol und den Warhol vor Warhol dramaturgisch verknüpft - auch ohne Anleitung durch die moderne Künstlerlegende. In Wahrheit gibt es diesem Werk nichts anderes zu entnehmen als die tröstliche Gewissheit: Die Dinge sind, wie sie sind, und die Linie hat nichts zu verbergen und nichts zu verraten, folgt nur mit gedämpfter Emphase dem Sosein der Dinge. Dass solches interesselose Wohlgefallen am Sosein der Dinge die Herzen nicht gleich und nicht leicht eroberte, davon muss man den Nachgeborenen wohl erzählen. Tatsächlich ist es heute kaum mehr vorstellbar, mit welcher Wucht einst der freundliche Pop-Nihilismus auf das moralisch gefestigte Europa prallte.