Haydn

"Die Schöpfung" mit Breakdance im Berliner Dom

Die Schöpfung ist nicht mehr zeitgemäß. Jedenfalls nicht die von Joseph Haydn. Deshalb hat Christoph Hagel das Oratorium jetzt in Einzelteile zerlegt und mithilfe einiger moderner Module neu zusammengesetzt. Das Resultat kann im Berliner Dom bestaunt werden.

Es ist kreischend bunt geraten, auch durchaus unterhaltsam, entfernt sich jedoch hoffnungslos weit vom Schöpfungsgedanken - wir haben es mit einer Montage zu tun.

Als "Die Schöpfung" 1798 in Wien uraufgeführt wurde, löste sie so etwas wie eine Massenhysterie aus. Haydn erfand hier unglaubliche Effekte, um das uranfängliche Chaos zu illustrieren oder den Augenblick der Lichtwerdung, seine Orchesterporträts von Löwen, Walfischen und Würmern entzückten die Besucher. Das Ganze eine Art Klang-Kintopp des 18. Jahrhunderts. Insofern dürfte der sich Komponist kaum in seinem Eisenstädter Grabe umgedreht haben; diese Berliner "Schöpfung" ist durch und durch Pop und Papa Haydn ein würdiges Opfer.

Es werden keine Mittel gescheut, eine der bekanntesten klassischen Tonschöpfungen zu visualisieren. Scheinwerferspiele und Leinwände verwandeln das Innere des Doms in eine multimediale Bühne, die Sterne hüpfen in Form riesengroßer Luftballons durch den Raum, und zum Schluss fehlt natürlich auch die leibhaftige Schlange nicht. Wir kennen sie und ihren Bändiger bereits aus Hagels "Orpheus und Eurydike" im Bode-Museum, und mit den Breakdance-Einlagen sind wir seit "Flying Bach" vertraut. Dennoch gehört die Choreographie von Nadia Espiritu und Manu Laude sicher zu den Meisterleistungen dieser Parallelschöpfung. Musikalisch liegt die Aufführung im mittleren Akzeptanzbereich, die Stimmverstärkung erlaubt kein vollgültiges Urteil über die Gesangssolisten, hinzu kommt die auch für Berliner Symphoniker und Symphoniechor problematische Akustik im Dom.

Papa Haydn ist plötzlich modern

Aber darum geht es gar nicht. Hagel will und kann keine Interpretation bieten, über die man noch Jahre spricht. Er bietet ein Spektakel. Deswegen ist er auch nicht zu besonderer Pietät dem Werk gegenüber verpflichtet. Haydns "Schöpfung" wurde, vor allem im 2. Teil, erheblich gekürzt, insgesamt um ungefähr zwanzig Minuten. Zweifelhaft wird es, wenn statt des Originals fremde Stücke zu hören sind. In Hagels Schöpfung gibt es zu Beginn des 2. Teils "Die versunkene Kathedrale" von Debussy und vor dem 3. Teil Arturo Marquez' "Danzon".

Postmoderner Pop also, nichts für Puristen. Hagels stärkstes Argument besteht darin, dass er Zeitgenossen erreicht, die sich niemals ein traditionelles Oratorium mit drögen Heilsbotschaften antun würden. Und dass nicht wenige entdecken, wie hinreißend und modern Papa Haydn sein kann. Der laute Erfolg bestätigt Hagel in diesem Punkt. Eingeschworene Klassikfans dagegen dürften ein solches Potpourri nur schwer verdauen. Für sie war wohl der Digestif gedacht, die Toccata aus Widors 5. Orgelsymphonie. Das Beispiel machte auf bestürzende Weise den Unterschied zwischen Struktur und Stückwerk hörbar.

Die Schöpfung im Dom: Do bis So um 20.30 Uhr, bis 3.6. Tel. 0180-53953