Kunst

Zilles Kommentar zum Tag der Arbeit

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Ja, Zille, liebte Berlin. In der Hochzeit seines Schaffens nahm er sich stets jener "kleinen Leute" an. Ihren Alltag hielt er fest in Karikaturen und Fotografien, was ihn zum "Milljöh"-Zeichner und "Pinselheinrich" machte. Das wurde ihm allerdings nur bedingt gerecht.

Denn sein Blick war ganz auf die Realität gerichtet, den Tag der Arbeit, den wir auch heute wieder begehen, illustrierte er nicht ohne Hintersinn, wie man in Zeichnungen wie dem "Spandauer Arbeiterzug" (1906) sehen kann. 17 Jahre davor, 1889, wurde der 1. Mai in Paris zum internationalen Kampftag der Arbeiter erklärt. Der Künstler selbst vorne an - mit Kappe und Fluppe, nicht gerade gut gelaunt, könnte man meinen.

Die Zeichnung ist nicht ohne satirische Zuspitzung, was man an den herrlich detailtreu gemalten Typen genau studieren kann. Die geduckten, schlürfenden Fabrikarbeiter, drallen Wirtinnen und Handwerker sind offenbar auf dem Weg zu einer Zusammenkunft. Einige von ihnen haben Blechkannen oder Picknickkörbe dabei, als ginge es zu einem zünftigen Ausflug. Als Model stellten sich Künstlerkollegen, Nachbarn und Kneipenwirte in die wankende Reihe. Unglaublich, welche Liebe Zille zum Detail pflegte. Die unsauber umgeschlagenen Hosenbeine, die wallenden Rüschensäume der Röcke, die zerlatschten Schuhe, alles Charakteristika, die über den sozialen Status der Personen Auskunft geben. Das Bild entstand, kurz bevor Zille selbst als Drucker und Ätzer mit festem Einkommen bei der "Photographischen Gesellschaft" gekündigt wurde, er musste also von seinen freien Arbeiten wie dem "Spandauer Arbeiterzug" leben.

Ein kleiner Coup des Bildes: Im Vordergrund liegt ein kleines Zettelchen auf dem Boden, mit winzigen Buchstaben hat Zille dort den Namen des Dr. Rauterberg notiert, ein Arzt, mit dem der Künstler eng befreundet war. Schöner Freundschaftsgruß. Das Aquarell mit Farbkreiden und Kohle soll am 26./27. Mai auf der Frühjahrauktion in der Villa Grisebach versteigert werden. Der arbeitslose Zille hätte gestaunt über den Preis: er liegt bei 40 000 bis 60 000 Euro.