Kunstsache

Spieglein, Spieglein an der Wand

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Steckt visionäre Kraft oder doch eher reiner Größenwahn hinter der neuen Berliner Dependance der Londoner Galeristen Harry Blain und Graham Southern? Diese Frage stellte wohl nicht nur ich mir im Vorfeld der Eröffnung.

Die ehemaligen Macher der Galerie Haunch of Venison haben sich auf jeden Fall genügend Platz für ihre neue Unternehmung gesichert: Die alte Druckerei des "Tagesspiegels" an der Potsdamer Straße ist als Kunststandort schlicht spektakulär: 1200 Quadratmeter auf zwei Etagen mit einer Deckenhöhe von 18 Metern in der zentralen Halle.

Wie gut es gelingt, diese riesige Leere zu füllen, zeigen jetzt zum Auftakt Tim Noble und Sue Webster. Zusammen mit dem Architekten David Adjaye hat das britische Künstlerpaar eine Tunnelstruktur geschaffen, die sich die Grabanlagen der ägyptischen Pharaonen zum Vorbild nimmt. Im Innern von "Turning The Seventh Corner" tastet sich der Besucher in fast völliger Dunkelheit durch schmale Gänge um mehrere Ecken, bis er schließlich vor einer goldglitzernden Skulptur aus Altmetall und Tiermumien, deren Schatten das Profil der beiden Künstler an die Wand wirft. Ein spektakulärer Effekt - besonders dann, wenn man das Labyrinth für sich alleine hat.

(Bis 16. Juli, Potsdamer Str. 77-87, Tiergarten )

Das Berliner Gallery Weekend hat sich als Termin etabliert, an dem die Kunststars in die Stadt kommen. In diesem Jahr freue ich mich besonders über die Ausstellung von Chuck Close. Der New Yorker ist in den Siebzigern mit überdimensionalen, superdetaillierten Porträtmalereien bekannt geworden: Jeder Pickel und jeder Bartstoppel waren so klar identifizierbar, dass man ihnen am liebsten eigene Namen gegeben hätte. Die aktuelle Schau in der Galerie Haas & Fuchs ist eine vielfache Begegnung mit dem Fotorealisten: Es handelt sich vorwiegend um kleinere Selbstporträts auf Papier.

Man könnte Close nun Narzissmus unterstellen - würde nicht jedem Besucher sofort klar, dass der Künstler nicht als Posterboy taugt: die randlose Brille, die Glatze, der konventionell getrimmte Bart. In den späteren Selbstporträts hat Close die biedere Ausstrahlung eines Mathelehrers. Dafür wirken viele der Holzschnitte und Siebdrucke so, als würde der Künstler durch die raue Oberfläche eine Milchglasscheibe blicken, die das Antlitz mal in unzählige Farben aufsplittern lässt. Ein Zeichen, dass sich jeder von uns aus vielen kleinen Fragmenten zusammensetzt.

(Bis 28. Mai, Niebuhrstr. 5, Charlottenburg )

Boris Mikhailov kennt man im Westen vor allem durch die Dokumentationen des postsowjetischen Alltags im ukrainischen Charkow - wo der Künstler 1938 geboren wurde. Die Galerie Barbara Weiss zeigt nun die Serien "Black Archive 1968-1979" und "Tea Coffee Cappuccino 2000-2010". Ich schaue mir Mikhailovs Fotografien immer gern an: Zwar ist auf den neueren Aufnahmen, die den gesellschaftlichen Umbruch zeigen, nicht selten Winter. Oft ist es kalt und eigentlich immer schmutzig. Die Menschen sind arm. Doch man sieht auch die Entschlossenheit, mit der sie sich durch ihr Leben lavieren. Die Bilder sind frei von Voyeurismus, einfühlsam, farblich grandios und wunderbar unverkrampft komponiert. So wie die Szene an der Bushaltestelle, wo der sonnengebräunte Ellenbogen einer Frau ins Bild ragt. Eine Entdeckung sind die frühen Schwarz-Weiß-Arbeiten Mikhailovs. Am besten gefiel mir die Aufnahme, in der er drei Kinder auf einem großen Holzelefanten vor einem tristen Hochhausblock platziert hat: eine Kindheit wie ein langer Regentag in Nowosibirsk.

(Bis 18. Juni, Kohlfurter Str. 41/43, Kreuzberg )

Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt jeden Sonntag über die Galerien in Berlin.