Gallery Weekend

Viel Kunst, viel Kitsch und schrilles Treiben

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Wer jetzt als Galerist an die Potsdamer Straße zieht, hat die richtige Nase. Ein Galeriezuzug folgt dem nächsten. Hochstimmung und Lässigkeit auch am Gallery Weekend, drinnen wie draußen auf der Straße. Und mitten drin in diesem Trubel: Gilbert & George.

Man möchte diesen beiden britischen Gentlemen gern ein Loch in den Kopf bohren, um sehen zu können, was sie so denken, über das schrille Treiben rund um ihren Tisch in der Galerie Arndt. Leicht könnte man hier einen Filmspot drehen, wenn man wissen möchte, wie Vernissage-Abende in Berlin eigentlich ablaufen. Auch wenn bei Arndt derzeit alles ziemlich "british eccentric" ist. Überall Fahnen. Der Mann mit Flokatijacke samt Höschen mit Union-Jack-Muster ist preisverdächtig. Frauen, die Männer sind, staksen auf High Heels mit irrsinnig ausladenden Hüten durch die Gänge. Nichts gegen die Panda Kids, die Mitte, Ende 20 sein dürften. Die Augen mächtig schwarz umrahmt, wie die Bären halt. Auf dem Kopf Mäuseohren, viel Plüsch und Kitsch dazu. Sie verschönern jede Eröffnung, wie einst Eva und Adele. Das Kunst-Duo versteht sich als eine Art mobile Reserveeinheit "gegen die Langweile". Doch wer die hat auf dem Gallery Weekend, ist selbst schuld.

Gilberts & Georges Anzüge sitzen wie immer perfekt, die weißen Hemden wie frisch gestärkt von Mutti. "Nice to meet you!" Keine Ahnung, wie oft die beiden diesen Satz schon gesagt haben an diesem Tag, beinahe fünf Stunden signieren sie schon ihren Katalog, ein Assistent übernimmt das Auf- und Zuschlagen des wuchtigen Dings, 12 Kilo ist das Kompendium schwer. 49, 95 Euro, kein Preis für Gilbert & George im Schuber.

Auch die Berliner Malerin Elvira Bach stellt sich in die Prozessionsreihe. "Nice to meet you". Als Kollegin bekommt sie eine extra schwungvolle Unterschrift. Gilbert guckt auf Bachs schwarzweiß gepünktelten Turban. Drei Gesamtkunstwerke beieinander. "Herrlich", sagt Elvira Bach", "wer Kunst macht, muss konsequent sein." Ein Gläschen Wein, dann geht's weiter. "Hallo, Elvira", irgendjemanden trifft man immer aus der Kunst-Community zwischen Kreuzberg, Mitte und Schöneberg. Elvira Bach ist mit ihrem Sohn und Betty, einem Podenco Jack-Russell-Terrier, unterwegs. "Eigentlich", sagt sie, "gehe ich gar nicht mehr so viel aus. Vernissagen sind in Berlin immer Partys. Ich konzentrier' mich auf meine Arbeit. "

Einen Lageplan hat sie sich nicht gemacht für das Gallery Weekend, braucht man auch nicht. Man muss nur wissen, wo man anfängt. Zugegeben, die Auswahl ist gigantisch, fast alle haben geöffnet, der Besucher, das ist das Schöne, kann sich wie im Kunsthaus in der Kreuzberger Lindenstraße 35, treppauf, treppab, von einer Galerie in die nächste spülen lassen. Dort stellt Roman Opalka aus, der seit Jahrzehnten seine Zahlenkolumnen wie ein Sisyphus auf der Leinwand einschreibt. Elvira Bach möchte ein Foto mit Opalka. "Große Ehre", sagt sie. Opalka hat nichts gegen ein Foto fürs "Familienalbum". Vielleicht schickt ihm Elvira ja ein Bild.

Tja, Bruno, den möchte sie unbedingt noch sehen. Den Top-Galeristen kennt sie aus frühen Berliner Zeiten, als er noch im "Exil" kellnerte. Hier kann sich Elvira Bach farblich wohl am besten verorten, hier knallen ordentlich die Farben. Unübersehbar, Anselm Reyle liebt Andy Warhol und das Factory-Lebensgefühl, was er wohl mit den buntgescheckten Sofas zeigen möchte. "Wer malt, sollte auch Geschichten erzählen", findet Bach. Dann ist Elvira mit Betty plötzlich entschwunden im Gewimmel der Menschen. Irgendwo trifft man sich sicher wieder bei diesem Streifzug durch die Kunstkieze.

Gallery Weekend Heute, 11 bis 19 Uhr.