Hebbel am Ufer

Überall wird nach Öl gebohrt, auch im Theater

Es rumpelt über Kasachstan. Mit mechanischem Gluckern und metallischem Schaben bohrt sich der Stahl in die kasachische Steppe.

Gerd Baumann kennt das Geräusch, in den achtziger Jahren war er selbst Teil dieser Bohrturmmannschaft und noch jetzt würde er am liebsten mit anpacken, wenn auf dem Video hinter ihm Monteure schwere Gewinde anbringen.

Baumann ist einer der fünf Wirklichkeitsexperten, die Stefan Kaegi vom Doku-Theater-Kollektiv Rimini Protokoll für sein aktuelles Projekt "Bodenprobe Kasachstan" auf die Bühne des HAU 2 holt. Wie immer bedient er sich für seinen Stoff bei der Realität, in diesem Fall bei einer, die mehrere tausend Kilometer östlich liegt: Kasachstan ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde, hier leben 16 Millionen Menschen, viele von ihnen sind deutscher Herkunft. Wie der Spätaussiedler Heinrich Wiebe. Auch sein Geschäft war das Öl. Was Menschen wie Gerd ans Tageslicht förderten, fuhr Heinrich Tag für Tag in seinem Tanklastwagen in Pavlodar aus.

Erdöl ist der Stoff, über den Stefan Kaegi diese Biografien verbindet. Auf der rückseitig gespannten Videoleinwand treffen seine fünf Protagonisten die Bilder, die Menschen und die Lieder ihrer Kindheit. Helene Simkin zum Beispiel bekommt von ihrer früheren Schuldirektorin den Hinweis, dass es nie zu spät sei, Kosmonautin zu werden. Das wollte Helene einst, schließlich wuchs sie in der Nähe der russischen Raumstation Baikonur auf. Jetzt wurde sie gerade von der russischen Fluglinie, für die sie in Hannover am Schalter gearbeitet hat, entlassen, wegen der stark gestiegenen Erdölpreise.

Mit Geräuschen und Bildern legt Kaegi seinen Darstellern emotionale Pipelines in die Vergangenheit, denn unter dem welligen, brüchig-dunklen Untergrund, der den Bühnenboden bedeckt, hat er ihnen kleine Erinnerungsgaben versteckt. Eine Kiste, die, wenn man drin rumstapft, wie frischer Schnee klingt, ein ausklappbares Miniaturmodell der kasachischen Retortenhauptstadt Astana. Für Elena Panibratowa gibt's ein Hochzeitsvideo aus der Heimat und für Nurlan Dussali, inzwischen Energieberater für Solarzellen, singt seine kasachische Oma ein Lied. Frei gelegte Biografien über der aufgebrochen Erde eines Landes voller Grenzerfahrungen, das ist das Prinzip, nach dem Kaegi hier arbeitet, und dafür hat er fraglos fünf sehr sympathische Experten mit bewegenden Lebensläufen gefunden. Aber zwischen Öl, Macht und Historie, zwischen Politik und Privatem verliert seine dokumentarische Tiefenbohrung ihre Richtung und bleibt stecken, ohne wirklich in die unteren Schichten zu gelangen.

Wirklich geackert hat an diesem Abend der Tiefbauingenieur Gerd Baumann. Weil er ja nun keine Energie mehr aus der Erde holt, hat er Teile des Abends auf einem Laufband verbracht und bis zum Schluss exakt 139,7 Wattstunden produziert. Verbraucht werden bei dieser Theaterproduktion rund 50 000 Wattstunden. Pro Abend. Die Energieversorgung der Menschheit wird noch viele Biografien prägen.

Hebbel am Ufer Hallesches Ufer 32, Kreuzberg. Tel. 25 90 04 27. Nächste Termine: Bis 3. Mai, täglich, 20 Uhr.