Interview mit Bruno Brunnet

"Das wichtigste Datum des Jahres"

In der Galerie CFA herrscht das übliche quirlige Gedränge zum Gallery Weekend vor der Tür. Das Kürzel ist Synonym für die Erfolgsgeschichte von Contemporary Fine Arts mit Sitz im imposanten Chipperfield-Haus vis-à-vis des Neuen Museums.

Einst Hinterhofgalerie, ist das Haus heute eine der wichtigsten Adressen für aktuelle Kunst. Auf 700 Quadratmetern auf luftigen zwei Etagen vertreten Bruno Brunnet und seine Ehefrau Nicole Hackert Künstler wie Jonathan Meese, Chris Ofili und Daniel Richter, alles Künstler, die zu den Stars der Kunstszene und Lieblingen des Marktes gehören. Bruno Brunnet sprach mit Gabriela Walde über Künstler und das Galeriegeschäft.

Berliner Morgenpost: Zum Gallery Weekend zeigen Sie Raymond Pettibon und Anselm Reyle. Das Wochenende ist längst zur festen Institution im Berliner Kunstkalender geworden.

Bruno Brunnet: Um es gleich zu sagen: Das Publikum, das wir wollen, kommt nicht zum Art Forum. Das Gallery Weekend ist das einzig wichtige Datum in der Stadt! Es ist so anständig gelaufen, dass andere Städte Begehrlichkeiten geweckt haben. New York hat schon kopiert. Da müssen wir aufpassen. Kritik habe ich keine. Ich hoffe nur, dass wir in der Lage sein werden, den Standard und das Datum zu halten. Für Events dieser Art braucht man auch Namen, die Visionen versprechen. Klaus Biesenbach war so einer. Dennoch haben wir es geschafft, ein internationales Publikum für zwei Tage hereinzuholen, 48 Stunden eingespannt in einen "Zirkus" mit Dinner und Rahmenprogramm. Das glänzt rund herum. Was wollen wir denn mehr? Zweimal im Jahr Gallery Weekend, das wäre natürlich noch besser.

Berliner Morgenpost: Dennoch, so hört man, hat sich durch die Krise das Käufer- und Sammlerverhalten verändert. Sind die Leute heute weniger risikobereit?

Bruno Brunnet: Wir richten uns nicht nach dem Käuferverhalten. Es ist so, dass wir den Käufern etwas vorlegen und auch Kunst vorleben müssen, was die Leute dann auch richtig finden. Dann folgen die Käufer uns auch. Wir sind nach wie vor risikobereit. Wenn das cool ist, was wir anbieten, und der Funke rüberspringt, dann verkaufen wir.

Berliner Morgenpost: Cool?

Bruno Brunnet: Das hilft auf jeden Fall. Ich allerdings führe gar nicht so viel Sammlergespräche, eher meine Frau. Ich rede viel mit den Künstlern, überlege, wie man Sachen präsentiert, plane Publikationen, überlege, was Nachfrage kreiert. Für mich ist das Gespräch mit den Künstlern ausschlaggebend, da sind unsere Produzenten. Mit ihnen steht und fällt das Geschäft. Das ist das A und O der Kunst. Sie muss man pflegen, sonst läuft nichts.

Berliner Morgenpost: Der Galerist als Therapeut?

Bruno Brunnet: In jeder Familie oder Firma entstehen Probleme, wenn du ein verantwortungsvoller Firmenchef bist, dann hast du mit verschieden Sachen zu tun, kannst dich nicht entziehen.

Berliner Morgenpost: Bruno Brunnet, der Firmenchef...

Bruno Brunnet: Ich sehe mich definitiv als verantwortungsvoller Firmenchef.

Berliner Morgenpost: Die Stimmung unter den Künstlern hat sich verändert. Wie schätzen Sie das Lebensgefühl in Berlin heute ein?

Bruno Brunnet: Wir haben heute eine ganze Zahl Künstler dabei, die im zweiten Abschnitt der Karriere sind, zwischen 30 und 45 verändern sich die Dinge, es wird nüchterner und geschäftstüchtiger. Und ich bin auch nicht mehr derjenige, der mit Künstlern bis Mitternacht in der Kneipe rumquatscht. Die Zeiten sind vorbei. Jonathan Meese ist abgegangen wie eine Rakete, nun kommt die nächste Generation. Wir brauchen Frischfleisch - ein Programm muss sich ja verjüngen, sonst stagniert man.

Berliner Morgenpost: Klaus Biesenbach, der jetzt am New Yorker MoMA ist, sagte kürzlich, die Szene um 1998 habe wie ein hedonistischer Spielplatz gewirkt. Heute seien selbst die jungen Künstler wesentlich professioneller, auch durch die neuen Medien.

Bruno Brunnet: Dass sie in den Netzwerken vermeintlich professioneller als "Privatmanager" auftreten, ist eine Mär. Künstler brauchen keinen Blackberry, sondern Verdrängungskraft. Wenn ich mit drei Mitarbeitern da sitze, der Künstler kommt durch die Tür und alle sagen Wow! Bei Jonathan Meese war das so. Doch von der Sorte fallen nicht jeden Tag welche vom Baum, diese Künstler kann man auch nicht in der Schule "züchten", so wie in anderen Bereichen Tom Tykwer oder Rainald Goetz, das sind Ausnahmeerscheinungen. Vielleicht überleben fünf von 1000 Künstlern.

Berliner Morgenpost: Was braucht ein guter Galerist? Ein gutes Auge?

Bruno Brunnet: Ist besser, wenn man ein gutes Auge hat. Doch was ist ein gutes Auge? Was ist ein gut oder schlecht gemaltes Bild?

Berliner Morgenpost: Also?

Bruno Brunnet: Entscheidend ist der erste Auftritt. Nimmt dich die Persönlichkeit in Besitz oder nicht. Bei mir funktioniert das so, ich bin bislang auch ganz gut damit gefahren. Jonathan Meese war so ein Typ, total schüchtern, der traute sich nicht mal, 'ne Cola zu bestellen. Ausstrahlung muss einfach sein, egal ob sie grün oder weiß ist.

Berliner Morgenpost: Also braucht man ein Bauchgefühl?

Bruno Brunnet: Logisch, das ist aber ja nicht unabhängig vom Hirn.

Berliner Morgenpost: Wurden Sie schon damit getäuscht?

Bruno Brunnet: Das gehört dazu.

Gallery Weekend Heute und morgen 11 bis 19 Uhr.

Contemporary Fine Arts Am Kupfergraben 10, Mitte. Tel. 288 78 70.

Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr. Bis 11. Juni.