Stilkritik

Spitze in Elfenbein: Das Brautkleid von Kate

11.52 Uhr, ein erster kurzer Moment, als Kate Middleton in den Rolls Royce steigt, der sie und ihren Vater zur Kirche bringen wird: Ahh ... Spitze, schmale Schultern, Schleier, Tiara, nicht Blumenkranz. Mehr ist auf den ersten Blick nicht zu erhaschen.

Erst einmal muss die Schleppe verstaut werden auf dem Rücksitz, bevor Michael Middleton hineinrutschen kann. Sofort steigen Erinnerungen auf an Prinzessin Diana in der gleichen Situation, die von noch weit mehr Stoffmassen umspült war.

Währenddessen hatte die Queen bereits in ihrem unverwechselbaren "Total"-Look, dieses Mal in sonnigem Gelb (die Blume am Hut lieferte die Manufaktur Steyer aus Sachsen) in der Westminster Abbey ihren Platz eingenommen an der Spitze einer farbenfrohen Hochzeitsgesellschaft in Cut, Uniformen und mit vielen extravaganten Hütchen. So schwebte über der Stirn von Enkelin Beatrice eine gewaltige nudefarbene Schleife. Schwester Eugenie wirkte da vergleichsweise zahm mit einem Federpuschel auf dem blauen Schiffchen. Die High Society hat ein Faible für die kleinen Hütchen, die oft nur wie ein üppig dekorierter Haarreif daher kommen. Auch Victoria Beckham, in einem feinen, blauen Kleid eigener Kollektion, das ihren Babybauch geschickt umspielte, hatte eine kesse Kappe gewählt. Für die Alternative Wagenrad entschied sich die Prinzessin von Kent, deren Gesicht damit komplett verborgen blieb. Auch Camilla kam mit viel Hut und einem Mantelkleid. Dann endlich der große Moment: die zukünftige Herzogin von Cambridge betritt den roten Teppich in einer cremeweißen Bustierrobe überzogen mit langen Ärmeln und Stehkragen aus Spitze, das Haar trägt sie offen unter dem feinen Schleier mit hauchzarter Stickerei.

Der wird gehalten von einer Cartier-Tiara, die Queen Mum bei ihrer Krönung trug und nun von der Queen der Schwiegertochter dem Brauch gemäß - etwas Geliehenes - geborgt wurde. Die Diamantohrringe in Eichenblatt-Form sind ein Geschenk ihrer Eltern, auch ein Symbol für die Bodenständigkeit, die in dieser Familie eine große Rolle spielt.

Das Kleid, für das im Hotel zuvor ein eigenes Zimmer reserviert war, ist ein Entwurf von Sarah Burton, der Nachfolgerin des verstorbenen Alexander McQueen im gleichnamigen Modehaus. Zwar hatte das Unternehmen immer wieder Spekulationen dementiert, doch dann wurde Mrs. Burton gesehen, wie sie am Donnerstagabend in das Braut-Hotel huschte. Prinzessin Catherine, wie sie nun heißt, hatte sehr bewusst Burton ausgewählt, steht die Marke McQueen doch wie sie selbst für die gekonnte Verknüpfung von Tradition und Moderne. Und ganz besonders für einen perfekten Schnitt. Und so war auch ihr Kleid aus englischer Seide und französischer Spitze mit seinen feinen Details genau richtig. Romantisch, aber dennoch schlicht, elegant, aber jung. Eine schwingende Robe, aber keine Prinzessinen-Explosion wie seinerzeit Dianas Rüschenrausch. Die Schleppe wie ein Symbol: lang und ausladend genug für die Kamera-Totale auf den Roten Teppich, doch kein endloser Läufer, der jeden Schritt lähmt.