Die Panzerknacker räumen ab

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Peter Hans Göpfert

Berlin ist nicht Hamburg. Dort hatte es, bis in die Kulturbehörde, Irritationen gegeben, als Volker Lösch am Ende seiner mit Hartz-IV-Empfängern besetzten "Marat"-Inszenierung die Namen der reichsten Bürger der Stadt mit Adresse und geschätztem Einkommen verlesen ließ. Jetzt hat Lösch für die Schaubühne Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" bearbeitet und ehemalige Strafgefangene rekrutiert.

Wenn diese am Ende der Aufführung direkt unter die Zuschauer gehen und ihnen ins Gesicht sagen, sie seien scharf auf deren Autos, ihren Labrador und die Wohnung im Grunewald, ist keiner beleidigt. Im Gegenteil: mancher fühlt sich sichtlich amüsiert und geschmeichelt. Löschs Methode ist genau dort angekommen, wo sie rauswollte: im geschlossenen Theaterbetrieb. Die vermutlich vom Regisseur gewünschte, vom Publikum erwartete "Provokation" bleibt aus. Großer Beifall. Kein Buh zu hören.

Die schweren Jungs sitzen im Saal

Zu Beginn sitzen die vormaligen schweren Jungs und Mädchen ebenfalls auf der Zuschauertribü- ne. Sie berichten lauthals von ihren kriminellen Karrieren: Diebstahl, Drogenhandel, Banküberfall, Totschlag, Geiselnahme, versuchter Mord. Vor allem aber geht es um Mühe und Vergeblichkeit bei ihren Versuchen, sich anständig zu machen und im bürgerlichen Berufsleben Fuß zu fassen. Der von Bernd Freytag dressierte Sprechchor verleiht mit diesem Text, der aus verschiedenen Interviews mit den Beteiligten collagiert wurde, der zentralen Gestalt von Döblins Roman die kollektive und solidarische Stimme. Das ist die Botschaft der Inszenierung: auch achtzig Jahre nach dem Erscheinen des Romans haben es Menschen, die ins Kriminelle abgerutscht sind, vergleichbar schwer wie damals der Transportarbeiter Franz Biberkopf, als er aus dem Zuchthaus in Tegel entlassen wurde.

Döblins Roman dient hier nur als Vorwand. Für die Vielschichtigkeit der Erzählung, ihre Montagetechnik, ihre bis ins Mystische reichenden Assoziationen, das Ineinander der Sprachstrukturen gibt es in dieser Bearbeitung kein Äquivalent. Im Roman hat Franz Biberkopf einen starken Gegenspieler: die Großstadt. Davon ist hier so gut wie gar nichts vernehmbar; und wenn doch, klingt es eher kümmerlich und kleinlaut. Fleißiges Berlinern allein bringt es nicht.

Lösch organisiert sich seine eigenen Gedankenverknüpfungen. In ziemlicher Breite häuft eine maskierte, wie aus Entenhausen herbei geeilte Panzerknackerbande ein Gebirge aus Geldsäcken der Deutschen Bank.

Dagobert Duck könnte baden

Nur vier "richtige" Schauspieler wirken mit und teilen sich ein paar Rollen. Sie wirken wie die eigentlichen Laien des Abends. Denn der Chor der Ex-Knackis hat die Realität auf seiner Seite. Die Profis dagegen müssen Fiktion herstellen. Sie schreien viel. Sie agieren auf einer Spielfläche, die massenhaft mit blinkenden Messingmünzen ausgelegt ist. Dagobert Duck könnte darin baden. Mancher Besucher nimmt am Ende etwas Klimpergeld als Souvenir mit nach Hause.

Was diesem Abend seine Energie gibt, ist einzig der Sprechchor mit seinem kanalisierten Originalton. Eine tatsächlich politische und soziale Stoßkraft gewinnt die Inszenierung nicht. Zu Recht werden die Choristen am Ende kräftig ge- feiert. Niemand regt sich über das, was sie herausschreien, auf. Alle fragen sich: wie werden diese Seiteneinsteiger des Theaters mit ihrer deklamatorischen Aufgabe fertig? Und schau: sie sind höchst engagiert bei der Sache. Es ist ihr Auftritt, der diese Inszenierung der studienrätlichen Dramatisierung desselben Stoffs am Maxim Gorki Theater und Castorfs endloser Umsetzung des Romans in der Ruine des Palasts der Republik überlegen macht.

Bei dieser Gelegenheit sollte man sich ruhig mal daran erinnern, dass in der Schaubühne vor etli- chen Jahren Rick Cluchey mit sei- nem Ensemble gastierte: der Ge- walttäter hatte in San Quentin ge- sessen und dort ein Gefangenentheater gegründet. Später schrieb und spielte er unter anderem eigene Stücke, arbeitete mit Samuel Beckett zusammen. Er war Gast des Berliner DAAD-Künstlerprogramms.

Sebastian Nakajew ist ein kräftiger Biberkopf. Er verausgabt sich stimmlich und körperlich, steht im Schweiße. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er kopuliert da vorne in Reihe 2, rennt die Tribüne rauf und runter. Er versucht sich als Straßenverkäufer vorgeknoteter Schlipse. Die Vergeblichkeit dieses Jobs liegt auf der Hand: im Parkett werden nur noch wenig Krawatten getragen.

Neben Biberkopf wirken die anderen blass. David Ruland als Reinhold geht alles Dämonische und Gemeine der Figur völlig ab. Eva Meckbach gelingt es nicht, aus der Mieze eine lebendige Theatergestalt zu machen. Felix Römer versucht mit einer Nummer über den angeblich verkoksten Theater- und Kritikerbetrieb ein paar Lacher zu mobilisieren. Die Aufführung, wo sie Döblin nur bruchstückhaft nacherzählt, bleibt klischeehaft und trivial.

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Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. G 89 00 23. Termine: 15., 18. und 19. Dezember; 1. Januar 2010. Berlin Alexanderplatz