Erzählband

Die Tasche in der Tasche

Die Leute in Geschichten haben's gut. Die Leute in Geschichten sind zu beneiden. Weil sie, sagt eine der Frauen in den Geschichten der Schriftstellerin Alissa Walser, und damit ist eigentlich schon alles gesagt, "dort gut aufgehoben sind.

Weil sie ein Zuhause haben in ihren Geschichten." Sie haben eine Geschichte, das macht das Leben für Leute in Geschichten im Vergleich zu Leuten im scheinbar ganz normalen Leben so einfach, eine Geschichte, die sich selbst erzählt und erzählt, immer weiter. "Und hinter ihrer eigenen gibt es immer noch eine größere. Und deine Geschichte nimmt die andere in sich auf. Verstehst du, was ich meine?"

Als Mona das fragt und das komplette poetologische Konzept Alissa Walsers damit offen legt, liegt knapp mehr als die Hälfte der neuen Geschichten Walsers hinter uns. Und wir haben natürlich längst verstanden. Wir haben schließlich in letzter Zeit und in der Nachfolge von Daniel Kehlmanns "Ruhm" genug Geschichtenbände gelesen, die keine Romane sein wollen, und doch ein bisschen welche sind. Geschichtenbände, in denen eine Geschichte die andere in sich aufnimmt, weitererzählt, ihr neue Dimensionen hinzufügt.

Immer ein Stück Autobiografie

Alltägliche Geschichten sind das, die sich bei Alissa Walser ineinander verspiegeln, in deren Spiegelspiel auf einmal gar nicht Alltägliches sichtbar wird, die unheimlich, surreal werden. Je nachdem, wie Alissa Walser die Spiegel verstellt. Und literarische Spiegel verstellen, Figuren aufscheinen, selbst in Bruchstücken von Spiegeln noch vollständig wirken zu lassen, dass kann die versierte Minimalistin Alissa Walser wie kaum eine zweite. Von Mona erzählen ihre Geschichten in "Immer ich", von Nina und Fred, Vincent und Stephan.

Dass der dritte Erzählband von Alissa Walser "Immer ich" heißt, ist - wie alles in den Geschichten und den Leuten der Alissa Walser - kein Zufall. Es setzt ein Spiel fort, an das man sich wirklich gewöhnen kann. Es ist ein ziemlich reizvolles Spiel. Seit die Malerin Alissa Walser, die irgendwann doch beschloss literarische Nebenpfade zu den Fußstapfen ihres Vaters Martin auszuprobieren, 1992 in Klagenfurt mit einer Vater-Tochter-Inzest-Geschichte den Bachmannpreis gewann, spielt Alissa Walser mit autobiografischem Material. Immer wieder wirft sie in ihren Geschichten mit autobiografischen Brocken um sich. "Das ist nicht meine ganze Geschichte" hieß ihr erster Erzählband 1994. Ihrem im vergangenen Jahr erschienen Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" stellte sie das Anne-Carson-Zitat voran: "Jeder Laut, den wir von uns geben, ist ein Stückchen Autobiografie." Ein historischer Roman war das, über den Magnetiseur und Glasharfenspieler Franz Anton Mesmer und die blinde Pianistin Marie-Theresia von Paradies, deren Vaterverhältnis zumindest einigermaßen zweifelhaft war.

Auch die Geschichten, die in "Immer ich" versammelt sind, leuchten wieder auf einer autobiografisch grundierten Leinwand auf. Bis auf eine im Grunde allerdings durchaus dezent düster aufgeladene Stiefvater-Geschichte fehlt diesmal allerdings jeder Vaterbezug. Sie spielen in New York, die Geschichten, wo Alissa Walser Ende der Achtziger studierte, und in Frankfurt, wo sie lebt. Es geht um Künstlerinnen, die gern mal Schwestern haben (Alissa Walser hat deren drei).

Zu beneiden sind sie - sieht man einmal von der impressionistischen Malerin Berthe Morisot ab, der Alissa Walser eine berückende Miniatur über frühes weibliches Künstlertum widmet - alle nicht, die da in ihren Geschichten wohnen. Sie haben nämlich alles Mögliche, bloß kein Zuhause. Sie sind auf der Suche nach dem Mann, nach dem Ich, nach einer Welt.

Und so erzählt sich ihr Leben auch nicht einfach so fort und fort. Es stolpert dahin. Es stolpert über Dunkelheiten, über Gefühle, Rätsel, Gerede. Über offene Stellen, lose Enden. Geschichten reißen ab, verkeilen sich, setzen sich in Bewegung, erstarren, bleiben irgendwo hängen. Verlieren sich ins Surreale wie die Geschichte, als Nina bei einer Vernissage einen Mann trifft. Er ist interessant, er hat eine interessante Geschichte, er erzählt viel. Dann geht er auf die Toilette. Nina inspiziert die Tasche und findet eine kleinere Tasche darin, in der wiederum - Sie wissen schon. So geht das häufig. Und das ist den Figuren sogar recht. Mona zum Beispiel. Für die ist ein "Rätsel erst dann gelöst, wenn es zu einem nächsten Rätsel geführt hat". Lebensläufe geraten aus den Fugen, ändern ihren Aggregatzustand. Planbar ist nichts. Manchmal gehen sie in Parallelflug zu anderen Figuren. Aber nicht lange. So ist das Leben: "Manchmal ist man zusammen und froh, oder man hält es aus, und es passiert was, und das hält man nicht aus. Und bleibt. Dann geht man. Kommt wieder. Haut ab."

Die weibliche Glückssuche

Aus dieser Lakonie, aus diesem Kalligrafischen der an den Himmel dieser Geschichten schraffierten Linien wächst den Ninas und Monas und Viktors, die so plastisch werden wie sie austauschbar sind mit uns, mit unseren Leben, aus dieser Lakonie wächst ihnen ein ums andere Mal Dunkelheit, das Unheimliche zu.

Es sind nicht nur Spiegel-, es sind vor allem Frauen-, Künstlerinnengeschichten. Es geht um weibliche Glücks- und Sinnsuche, um den Versuch Kunst und Leben parallel zu bekommen, übereins, in eins. In der Geschichte von Berthe Morisot, Malerin und Schwägerin Édouard Manets, und ihrer Schwester hat das seinen Magnetkern - die eine gibt sich und ihr Künstlertum auf im bürgerlichen Leben, die andere bringt beides zusammen. Nie aber wird das erdenschwer, nie atmet es auch nur einen Hauch von Frauenliteratur. Immer schillert es leicht, flirrt. Fülliger, noch farbenreicher ist Alissa Walsers Sprache trotzdem geworden. Sparsam, unterkühlt ist sie geblieben, doppelbödig und hell - Alissa Walser erweist sich auch in "Immer ich" wieder als Meisterin einer kristallklaren Verunklarung.

Immer tiefer wird man hineingezogen in dieses literarische Spiegelzelt. Und man kommt schwer wieder raus, wird in ein Rätselspiel hineingezogen, will herausfinden, wie was und wer mit wem zusammenhängt. Und der Gang durch Walsers Spiegelkabinett schafft, was nicht viele Geschichten vermag, Literatur aber gelingen sollte, es verändert den Blick. Auf Frauenliebe und -leben. Kalte Platten zum Beispiel schaut man hinterher anders an. Auch Brokkoli wird man anders putzen. Vor allem aber wird man nie wieder Leute in Geschichten beneiden.

Alissa Walser Immer ich. Piper, München. 157 Seiten, 16,95 Euro