René Pape

Allein unter Göttern

Große Sänger schlüpfen wie selbstverständlich in große Opernrollen. Aber keiner von ihnen würde freimütig zugeben, er sei auch im Leben, jenseits der Bühne, so verliebt, verzweifelt, verschlagen wie diese oder jene Figur. Und dennoch finden Rollen und Interpreten irgendwie immer auch zusammen - in Gesprächen offenbaren sich Tenöre, die mit Liebhaberrollen groß geworden, regelmäßig als lustige Draufgänger, wohingegen die tiefen Bässe deutlich zurückhaltender, seriöser, ja fast verschwiegen wirken.

René Pape, der gerade bei den Festtagen in der "Walküre" den Wotan singt, gehört zu den weltbesten lyrischen Bässen. In diesen Tagen ist er am Schiller-Theater gleich in mehreren Rollen zu erleben: am Montag als Göttervater Wotan, der am Ende die Seinen in den Untergang führt, am Freitag als weihevoller Sarastro in Mozarts "Zauberflöte", der die jungen Leute den Reifeprüfungen unterzieht, und am Sonntag als einsamer, ungeliebter König Philipp in "Don Carlos". Es sind allesamt gestandene, schwergewichtige Figuren.

Bässe wachsen bedächtiger heran

"Ich habe zeitig schon Könige, Väter und Priester gesungen", sagt René Pape: "Da waren die Kritiker immer so ein wenig Naserümpfend, weil ich in deren Augen angeblich zu jung gewesen wäre. Aber dann hätte ich zwanzig Jahre lang nichts singen können. Es ist schon schwierig, mit 26 Jahren den König Philipp in ,Don Carlos' zu singen, weil er in der Geschichte Mitte Vierzig ist. Aber gute Regisseure können einem helfen - außerdem war ich selber ein sehr junger Vater." Mittlerweile ist Pape, Jahrgang 1964, wenn man so will, in den besten Sängerjahren angekommen. "Ich habe zehn Jahre gebraucht, um dort anzukommen, wo ich jetzt bin. Als Tenor kann man schneller nach oben kommen. Ein Bass ist erst mit 40 ausgereift, dann ist er kräftig genug, die Höhe und Tiefe hat sich eingepegelt."

Bässe reifen zweifellos bedächtiger heran als Tenöre, und bei den Stars ist immer wieder zu beobachten, wie sie sich stimmlich schneller verbrennen. "Wir Bässe und Baritöner haben es einfacher, weil wir im gleichen Umfang unserer Sprechstimme auch singen", sagt Pape: "Ein Tenor dagegen spricht nie so hoch, wie er singen muss. Das ist eine besondere physische und auch psychische Anstrengung. Da kann es schon passieren, dass der eine oder andere Tenor es nervlich oder stimmlich nicht bewältigt." Bei einem Bass ist es zu Beginn nicht nur eine Frage der Stimme, sondern vor allem der Glaubwürdigkeit. "Ja, damals musste ich die Seriosität spielen, jetzt bin ich in dieses Zeitfenster hineingewachsen", sagt Pape: "Ich muss es nicht mehr spielen, ich bin es."

Der gebürtige Dresdner hat seine Laufbahn noch zu DDR-Zeiten begonnen. Was wohl aus ihm geworden wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? "Das Gleiche. Ich wäre sicherlich irgendwann ein Reisekader geworden und hätte eine internationale Karriere gemacht", sagt Pape trocken: "Damals wurden Künstler gerne als internationales Aushängeschild benutzt, ähnlich Sportler."

In seiner Heimatstadt kam er als Junge in den altehrwürdigen Kreuzchor, die ersten Jahre lebte er im Internat. Das Aufwachsen um die Kreuzkirche herum hat ihn geprägt. "Das wichtigste war natürlich die musikalische Ausbildung. Und das Zusammenwirken im Team, man lernte - gewollt oder ungewollt - sich unterzuordnen. Man wurde aber auch rebellisch. Wir hatten als Kruzianer auch das Privileg, andere Teile der Welt zu sehen. Man ist zurückgekommen in die DDR und hat Fragen gestellt."

Die Demonstrationen waren schon in Gange, die Wende nahte, als er von der Dresdner Musikhochschule direkt an die Staatsoper Unter den Linden verpflichtet wurde. Ein riesiger Karriereschritt. "Ich war sehr jung, als ich in Berlin zu arbeiten anfing. Mit 24 kam ich vom Studium, wurde engagiert und hatte quasi ein Chefarztgehalt. Die ganze Welt stürmte auf einen ein, nach November 1989 auch die restliche Welt. Meine Karriere hat zeitig begonnen. Man musste lernen, Karriere und Privates unter einen Hut zu bringen." Womit er in typisch dezenter Bass-Manier sagen will, dass er auch seine Krisen durchstanden habe.

Seit fast zwei Jahren lebt Pape wieder in Dresden. "Mein Herz hängt an meiner Heimatstadt, habe dort ein schönes Häuschen. Mit Wald, Hügel, Fluss, das ist für mich ein Refugium, da ich das ganze Jahr über unterwegs bin." Jeder träumt von dem, was er nicht hat. Ein Künstler, der rund acht Monate im Jahr anderswo in der Welt zugange ist, verbringt seine freie Zeit am liebsten Zuhause.

Zwei Dirigenten nennt René Pape, die ihn besonders geprägt haben: Sir Georg Solti und Daniel Barenboim. Letzterer ist seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, mit ihm und seiner Berliner Staatskapelle hat Pape die neue Wagner-CD aufgenommen, nachdem der erste Versuch mit Christian Thielemann und der Münchner Philharmonie missglückte, unter Barenboims Leitung singt er den Wotan am Schiller-Theater. "Am Pult ist Barenboim wie ein bildender Künstler, wie ein Maler, ich kann ihm unglaublich gut folgen. Er weiß auch genau, wo meine Vorzüge sind, und wo meine Grenzen liegen. Es ist fast immer zu hundertzwanzig Prozent ein schönes Erlebnis. Er ist der Dirigent, mit dem ich am längsten zusammenarbeite."

Vom Regisseur etwas alleine gelassen

Dagegen hat sich Pape bereits kritisch über die "Walküren"-Regie geäußert, bei der er sich als Sänger etwas alleingelassen fühlte. Mag sein, dass Regisseur Guy Cassiers seine Stärken vor allem im Bühnenbildnerischen ausspielen wollte. Generell, so sagt Pape, erlebe jeder Sänger mindestens einmal in seiner Karriere, dass er mit dem Regisseur nicht übereinstimme. Wobei Pape betont, dass er noch nie etwas habe tun müssen, was er nicht auch tun konnte. "Ich habe nie kopfüber gesungen", sagt er: "Das Problem für Sänger ist, dass man drei, vier, fünf Jahre im Voraus für eine Produktion angefragt wird. Der Regisseur wird meistens erst später gesucht. Aber ich bin in den Proben nie vorfristig wieder abgereist - man hat schließlich eine Verantwortung gegenüber dem jeweiligen Haus, den Kollegen, und außerdem einen Vertrag. Es ist schließlich ein Beruf und man muss auch Geld verdienen."

Und mit welcher Wagner-Partie identifiziert sich René Pape am stärksten? "Marke, ganz klipp und klar. Das ist die Rolle, und ich singe sie schon sehr lange. Ich mag diesen Charakter. Und ich versuche einfach, die Einsamkeit des Königs, die Trauer, den Schmerz und im dritten Akt des ,Tristan' auch die versagte Freude darzustellen. Und ich glaube ganz gut." Auch Bassisten haben ihre Gefühle.