Jubiläum

Ein Kunsthaus, das Berlin veränderte

"Was hat Grisebach, was andere nicht haben?", fragt das Auktionshaus Villa Grisebach süffisant in seinen Anzeigen. Dabei fällt die Antwort leicht und - natürlich untermalt von gebührendem Ernst - nicht weniger spöttisch aus.

Bernd Schultz. Wenn sein Name fällt, neigen seine Kollegen zum Lächeln der Auguren. Denn Schultz ist in der Branche eine durchaus eigenwillige Gestalt. Er prägte das Haus von Anfang an und prägt es heute noch immer. Seit genau einem Vierteljahrhundert.

Klassische Moderne als Magnet

Als er 1986 das Auktionshaus gemeinsam mit den Galeristen Raimund Thomas, Wilfried Utermann, Michael Neumann und Hans Pels-Leusden gründete, billigte ihm die deutsche Auktionatorenschaft alles andere als einen Sympathiebonus zu. Denn das Haus fiel nicht nur mit seinen Versteigerungsbedingungen, die mit einer erweiterten Echtheitsgarantie den Konkurrenten zu weit ging, aus dem Rahmen. Als Affront, wenn nicht gar als Putsch wider die Zunft wurde interpretiert, dass sich Galeristen ein Stück aus dem Auktionskuchen schneiden wollten. Und als dann bei der dritten Grisebach-Auktion Utermann sozusagen temporär seinen Gesellschafterstatus abstreifte und als Dortmunder Galerist eifrig (und erfolgreich) mitbot, überlegte man im Bundesverband Deutscher Kunstversteigerer (BDK), ob da nicht die Juristen tätig werden müssten, weil ein Auktionshaus nicht im eigenen Namen mitbieten darf.

Diese Querellen sind vergessen. Die Villa Grisebach Auktionen, längst BDK-Mitglied, haben sich als eines der wichtigen deutschen Kunstversteigerungshäuser etabliert. Und gewöhnlich können sie nach Lempertz in Köln auch den zweithöchsten Umsatz - vor Nagel in Stuttgart und Van Ham in Köln - verbuchen. 34,8 Millionen Euro waren das 2010. Im Vergleich: 2009 waren es 29,4 Millionen Euro, im Jahr davor 42 Millionen Euro.

Dabei stand der Anfang nur bedingt unter einem guten Stern. Zwar wurden bei den ersten beiden Auktionen im November 1986 und Juni 1987 bereits 10 Millionen Mark umgesetzt und damit die Gefahr roter Zahlen in der Bilanz gebannt. Auch konnte sich das Haus behaupten, als im Herbst 1990 der Markt zusammenbrach und auf der internationalen Bühne das große Elend den Ton angab. Vor allem bei den Impressionisten und in dem Segment, auf das sich die Villa Grisebach konzentriert hatte: der Kunst des späten 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne. Außerdem versuchte Sotheby's in Berlin mit einem sehr ähnlichen Repertoire Boden zu gewinnen. Doch das blieb eine Episode, denn Grisebach behielt die Nase vorn und konnte meist zwischen zehn und 15 Millionen Mark umsetzen. Auch weil inzwischen mit zeitgenössischer Kunst und Photographie das Angebot erweitert worden war. Aber dessen ungeachtet blieb man ein Spezialist.

Und eine Berliner Spezialität. Die historistische Villa des Architekten Grisebach, von der Deutschen Bank gekauft und restauriert, um der Kunst zu dienen, wurde für Bernd Schultz zur Initialzündung. So nahm das Haus nicht nur die Galerie von Hans Pels-Leusden und das von ihm gestiftete Käthe-Kollwitz-Museum auf, es bot auch genügend Raum für das Auktionshaus. Bernd Schultz, Jahrgang 1941, gelernter Bankkaufmann, studierter Betriebswirt und Jurist, war seit seiner Werkstudentenzeit in der Galerie Pels-Leusden, damals noch am Olivaer Platz, der Kunst verfallen. Und Berlin. Und dem Traum, Berlin wieder zu einer Kunststadt zu machen.

Dieses Ziel verfolgte er mit Verve auf vielen Feldern. Dem galt der Versuch, 1982 mit der "Orangerie" eine Antiquitätenmesse jenseits des üblichen Messerummels zu installieren - was misslang. Oder 1983 sein erfolgreiches Engagement, Watteaus berühmte "Einschiffung nach Cythera", das die Hohernzollern verkaufen wollten, der Stadt zu erhalten. Aber Schultz, gewöhnlich ironisch-verbindlich, kann auch harsch sein. Seine heftige Kritik an der ungerechtfertigten Restitution von Kirchners "Straßenszene" ist ein Beispiel dafür.

Sein Plädoyer, James Simon, den Mäzen, dem unter anderem die Nofretete zu verdanken ist, endlich gebührend zu würdigen, ein anderes. Und wenn er auch bedauern muss, dass Berlin nicht wieder die Kunsthandelsstadt geworden ist, die es vor 1933 war, so hat er mit der Villa Grisebach doch eine Institution geschaffen, die weit über die Stadt hinaus wirkt. Und in die Stadt hinein, wie sich an der Veränderung der einst recht tristen Fasanenstraße zwischen Ku'damm und Lietzenburger Straße nach der Etablierung der Villa Grisebach ablesen lässt: zuerst zur Edelmeile, nun als Kunst- und Galerienstraße.

Aufwertung der Fasanenstraße

Denn die Villa Grisebach zieht ein besonderes Publikum an. Nicht nur zweimal im Jahr zu den Auktionen. Aber die bleiben die Hauptsache. Ihre Bilanz der ersten 25 Jahre kann sich jedenfalls sehen lassen. Bereits 1988 konnte man mit 2,4 Millionen Mark für Lyonel Feiningers "Raddampfer II" einen Millionenzuschlag und einen "Weltrekord" erzielen. Und mit 3,4 Mio. Millionen Euro für Max Beckmanns "Anni" wurde hier 2005 auch das in Deutschland bislang teuerste Bild versteigert. 2009 gefolgt von den 2,2 Millionen Euro für Beckmanns "Blick auf die Vorstädte am Meer bei Marseille" als Nr. 2.

2005 gingen von den zehn Spitzenpreisen der Saison in Deutschland allein sechs auf das Konto Grisebach. Danach waren es dann jeweils zwischen vier und sechs. 2009 und 2010 reduzierte sich das allerdings auf zwei. Deshalb soll das Repertoire des Hauses um das gesamte 19. Jahrhundert erweitert werden. Um auch künftig unerwartete Antworten auf die Frage parat zu haben: "Was hat Grisebach, was andere nicht haben?"

Villa Grisebach , Fasanenstr. 25, Wilmersdorf. Tel. 885 91 50. Frühjahrsauktionen: 26.-28. Mai. Sammlung Dolf Selbach: 27. Mai, 11 Uhr.