Georg-Kolbe-Museum

Gipsköpfe, Gedichte und Zigaretten

Der alte, verkratzte Arbeitstisch aus Holz von Georg Kolbe verbreitet angenehm kreatives Chaos mit der Patina des längst Vergangenen. Darauf stapeln sich kreuz und quer Fotografien, Kalender, dicht beschriebene, kaum mehr zu entziffernde Postkarten, Lebensmittelkarten, Negative.

In einem alten Karteikästchen steckt ein verschlissenes Notizbuch - die Eselsohren künden vom regen Gebrauch, die Tintenschrift ist längst verblichen. Unverkennbar, all diese Dokumente, egal ob privat oder öffentlich, stammen aus einer Zeit, wo noch mit der Hand geschrieben wurde, und es keinen Computer gab, der Termine koordinieren konnte.

Tausende von Briefen

Diese "Installation" mit dem noch nicht bearbeiteten Nachlass von Herrmann Blumenthal dient als symbolhafte Einführung in die mit viel Leidenschaft und Empathie bestens aufbereitete Ausstellung "Briefgeheimnisse" im Georg-Kolbe-Museum, das erstmals seine Künstlerarchive präsentiert. Dazu gehören Tausende von Briefen, einzelne Kunstwerke und sogenannte Lebensdokumente, wozu Ausweise, Urkunden und Gedichte zählen. Wer bei Archiven an totes und vergilbtes Papier denkt, lernt hier, wie viel mehr so ein Depot wirklich ist, und wie spannend und inspirierend es sein kann, sich mit den schriftlichen Hinterlassenschaften eines Künstlers auf dessen Lebensspuren zu begeben. Weil diese Dokumente vielfältige Bezüge aufweisen zu anderen (Künstler)Biografien, und sich in den privaten Beziehungen eindrücklich das damalige gesellschaftliche Klima spiegelt.

Kolbe beispielsweise modellierte 1929 ein Porträt auf Max Liebermanns Wunsch hin. Der markante, mit schroffer Oberfläche versehene Bronzekopf hat dem über 80-jährigen Maler offenbar gefallen, sonst würde der Brief an Kolbe anders klingen. "Ich glaube nicht zu irren", schreibt Liebermann, "wenn ich den Kopf nach mir für den lebenssprühendsten halte unter den vielen, die sie geschaffen haben." Wie es üblich war, bot der Maler Kolbe als künstlerische "Gegenleistung" eines seiner Werke an. Kolbe entschied sich für das Pastell "Allee beim Jagdschloss Dreilinden". Für eine Künstlerbeziehung klingt das mit der Schreibmaschine verfasste Kondolenzschreiben an die "hochverehrte Frau Professor Liebermann" im November 1935 allerdings erstaunlich formal. Kolbe war einer der wenigen Künstler, die zur Beerdigung "des grossen Meisters" anwesend waren. Der Druck der Nazis zeigte Wirkung.

Oft sind es nicht die großen, sondern die kleinen Dinge, die, vielleicht, weil sie so alltäglich oder nebensächlich scheinen, Auskunft geben, wie Künstler leben, was sie sie mögen - oder nicht. Mosaiksteinchen, die eine Vita nahbar machen.

Poesie mit zweifelhafter Qualität

Kolbe war genervt über seine "Freundchen", seine Fans, wie er schreibt, die ihm zu Ehren per Brief Poesie mit zweifelhafter Qualität ("Genius", "Ruf der Erde") sendeten. "Ich beginne Gedichte zu hassen!" grummelt er auf einem Stück Papier. Mancher Besucher wird sich über Schmidt-Rotluffs Zigarettenschachtel von 1956 aus Bronze wundern, die mit einem nackten Jüngling verziert ist. Seine Lieblingsmarke: R6, die alte Schachtel ist noch zu sehen. Zu dieser Zeit war der Brücke-Maler Professor an der Berliner Hochschule für Bildende Kunst, ein Jahr davor wurde er auf die Documenta in Kassel eingeladen. Seine Berliner Adresse? Schützallee 136 - so jedenfalls steht es im Adressbuch von Richard Scheibe. Das dies alles jetzt im Kolbe-Museum so vorbildlich für die Öffentlichkeit aufgearbeitet ist, verdankt das Haus der Finanzierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und natürlich der zwei Jahre andauernden Sisyphosarbeit von Carolin Jahn.

Zwölf Nachlässe gehören in den Fundus des inmitten eines Skulpturengarten gelegenen Kolbe-Museums. Auf den ersten Blick könnten sie nicht heterogener sein mit Künstlern wie Waldemar Grzimek, Herrmann I. Noack, Ernesto De Fiori oder Renée Sintenis, die in den Zwanzigern in Berlin eine der erfolgreichsten Bildhauerinnen war. Nach ihrem Entwurf entstand auch der Berlinale Bär. Carolin Jahn: "Das Konzept sieht vor, ausschließlich Nachlässe von figürlichen Bildhauern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nehmen, in deren Mittelpunkt die Gestaltung des Menschen steht". Basis für das Archiv legte freilich Kolbes eigener Nachlass, den er schon zu Lebzeiten fotografisch dokumentierte. Zudem erwarb das Haus die schriftlichen Hinterlassenschaften seines engsten Künstlerfreundes Richard Scheibe. Zwei Nachlässe sind nach Abschluss des Projekts nun bereits hinzugekommen. Wenn das kein Erfolg ist.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Di-So 10-18 Uhr. Tel. 304 2144

Führungen: sonntags, 14 Uhr.