Haus am Waldsee

Kunst kommt nicht von Kunst, sondern von Alltag

Wie kommt das Neue in die Welt? Der spannenden Frage spürt das Haus am Waldsee in diesem Jahr nach. Ein Künstler, dessen Arbeit exemplarisch für dieses Motto steht, ist Albrecht Schnider. Kunst kommt bei ihm nicht von Kunst, obwohl es auf den ersten Blick so scheint, sondern von Alltag und dessen Zufallsformen.

Als "eine Art philosophische Physik" bezeichnet Katja Blomberg, die Leiterein des Waldhauses, die anmutige Welt des Schweizers. Aus der Überzeugung, dass jenseits von Kalkül und physikalisch messbarer Raumzeitzusammenhänge Wahrnehmbarkeit nicht endet, sondern frische Energien durch Spontaneität der Kunst sichtbar werden, arbeitet er an der Grenze dessen, was sich "Am Ereignishorizont" abspielt.

In der Praxis sieht die Ausstellung ordentlich abstrakt und ansprechend farbig aus. Der 1958 geborene Künstler schafft eine eigenwillige Bildsprache, die aus seinen Zeichnungen entsteht. Die Motive sind dabei weniger von der Natur abstrahiert. Sie entspringen eher dem, was der Kopf dem Künstler intuitiv in die Hand diktiert. Dabei scheint die Erinnerung an die Schweizer Berge, wo der in Berlin lebende Maler aufwuchs, seinen Geist immer noch zu beschäftigen. Zumindest sind sie im Gartensaal omnipräsent. Dort installierte er zehn in Farb-Flächen zerlegte Hügel-Landschaften.

Das Gesamtbild ergänzen Plastiken, die wie seine lapidaren Zeichnungen erstmals in Deutschland ausgestellt werden. Etwa der Spiegel, der, auf drei Pinsel gestützt, das Gesicht des Besuchers wiedergibt. So ist das mit der Vorstellung: Alles nur Projektion, was wir in der Leerfläche der von Schnider gemalten Gesichter erkennen, das Andere immer, das Eigene auch. Auf einem umgekehrten Eimer hat der Künstler einen Deckel platziert, den ein zur Mini-Statuette versteinerter Kaugummi krönt. Ob sie einer gekneteten Madonnengestalt gleicht oder der geknödelte Auswurf ein reines Zufallsprodukt ist, mag jeder selbst entscheiden.

Schniders Welt steht in der Tradition der "Écriture Automatique" eines Malers wie André Masson und einer an den Kräften der Natur orientierten, poetischen Plastik Hans Arps. Die Schau gibt einen guten Einblick in das Schaffen des 52-Jährigen, der in vielen Schweizer Museen und Privatsammlungen vertreten ist. "Es ist wie ein Tagebuch aus seinem Atelier", bemerkt Katja Blomberg. Tatsächlich gelingt anhand seiner Objekte und skizzenhaften Zeichnungen, von denen er schon mal 100 Stück am Tag strichelt, ein Blick auf die leichthändige Formfindung des Künstlers. Auf seine Erkundigungen "Am Ereignishorizont", die versuchen das Ungreifbare dingfest zu machen.

Haus am Waldsee , Argentinische Allee 30, Zehlendorf. Bis 19. Juni, Di-So, 11-18 Uhr.