Geitels Geschichten

Komponierende Kapellmeister

Der tägliche, hochprofessionelle Umgang mit Musik muss zwangsläufig die Ausübenden auf die Idee bringen, das Komponieren selber einmal zu erproben. Es gab grandiose Dirigenten wie Gustav Mahler oder Richard Strauss, die ihre musikalische Kunst in großen Werken entfalten konnten, die die Zeiten überdauern.

Anderen, wie Wilhelm Furtwängler oder Victor Klemperer, gelang es nicht. Sie schrieben so etwas, was man herabschätzend "Kapellmeistermusik" nannte. Von Hans Zenders Musik war ich zutiefst überzeugt, seit ich ihn zum ersten Mal traf. Das war in Köln im Haus des Super-Cellisten Siegfried Palm, der später zum Intendanten der Deutschen Oper Berlin aufstieg. Er war neugierig auf alles herausfordernd Neue und setzte sich unermüdlich dafür ein. Am stärksten für Bernd Alois Zimmermann. Auch Zender und sein Werk standen ihm deutlich nahe.

Zender, der hervorragende Kapellmeister, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag begeht und mit vollem Recht am 4. September vom Musikfest Berlin einen Abend lang in der Philharmonie gefeiert wird, schrieb eine Musik ohne Rücksicht auf Hörerverluste. Wie so viele, ging er bei Wolfgang Fortner in die Schule, später lernte er, Stipendiat an der Villa Massimo, Komposition bei Bernd Alois Zimmermann. Doch schließlich will man ja als Musiker nicht nur komponieren, sondern auch leben.

Zender verdingt sich als Dirigent nach Bonn, alsbald nach Kiel, dann nach Saarbrücken. Er ist annähernd fünfzig, als er Generalmusikdirektor in Hamburg wird. Doch auch dort hält es ihn nicht. Er wechselt nach Hilversum über. Frankfurt erhebt ihn in den Rang eines Professors für Komposition. An seinen eigenen Kompositionen laboriert er über die Jahre hin. Sie machen es ihm nicht leicht und dem Publikum auch nicht. Seine Oper "Stephen Climax" lässt Symeon, den syrischen Säulenheiligen der Spät-Antike, ausgerechnet in einem Dubliner Bordell (wo auch sonst?) auf Stephen Daedalus stoßen, der geradewegs dem "Ulysses" des James Joyce entsprungen ist. Welch' ein Zufall! Welche Verwirrung!

Das Abenteuern ließ Zender nicht los und führte ihn auf immer überraschendere Bahnen. In "The Chief Joseph" ließ er in der Berliner Staatsoper Indianer und Amerikaner aufeinander prallen. Zender, spürsinnig wie immer, schrieb Weltmusik von großartiger Unausweichlichkeit, Farbenpracht und Originalität. Bitte weiter so!

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern