Fernsehen

Tatort am Montag: Eine Anspielung auf "Stuttgart 21"

Jenseits des Stuttgarter Bahnhofs gibt es noch andere "Grabenkämpfe", wie der Titel des neuen "Tatort"-Films andeutet. Dort, wo jetzt noch die Wagenhalle steht, ein "alternatives Kultur-Areal", will ein Investor bald ein luxuriöses Wohnungsbauprojekt realisieren.

Nun bedeutet "Kultur" in den Wagenhallen vor allem Rock-Konzerte, Yoga- und Esoterik-Buden. Stefan Aldinger, der Geschäftsführer des bedrohten Idylls, wird eines Abends tot auf dem Gelände gefunden - von seinem Partner Timo Holzmann, dessen Koteletten aufdringlich die Wurzeln im Hippie-Milieu signalisieren.

In diese Gemengelage stoßen Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Die freche Kulturdezernentin treibt sich bereits vorwitzig am Tatort herum, die Witwe steht unter Schock und wird von Holzmann nur zu gern getröstet, und der unnahbare Investor Walter Rühle (Rüdiger Vogler) lässt seinen Justitiar Clemens Doll (Hans Löw) eine Info-Hütte auf dem avisierten Baugelände betreiben. Bootz kennt Doll aus der Schulzeit und gibt gleich einen Kostenvoranschlag für ein Eigenheim in Auftrag. Unternehmer Rühle hofft, die Stadt mit dem Erbe seiner Gemäldesammlung zum Verkauf der Wagenhallen locken zu können. Als Kurator eingesetzt ist Dr. Julian Siebert (Arnd Klawitter), der im Kulturzentrum die Meditationsstunden leitet. "Den Dr. können Sie weglassen", bietet der recht auffällig schwule Kunsthistoriker dem unmissverständlich heterosexuellen Lannert an. Dann erfährt man, dass Rühle Aldinger bereits für 150 000 Euro auf seine Seite gezogen hatte - also hätte er ihn nicht umbringen müssen.

So betulich diese schwäbische Posse ausgebreitet wird, so ergötzlich ist der lakonische Schlagabtausch zwischen Richy Müller und Felix Klare. Der große Wim-Wenders-Schauspieler Rüdiger Vogler ist eines der unvergesslichen Kinogesichter der 70er-Jahre - und auch hier, als Mann, der Frauen wie Gemälde wie Grundstücke kauft, ist er unergründlich traurig.

"Grabenkämpfe", geschrieben von Stefan Cantz und Jan Hinter, ist bestimmt kein spektakulärer und nicht einmal ein spannender Film. Aber der Regisseur Zoltan Spirandelli ist ein Künstler der Atmosphäre, der Stuttgart als ein somnambules Gebilde zeigt, in dem man schläfrig seinen Tätigkeiten nachgeht, die Polizeichefin eine feurige Südamerikanerin ist und Hauptkommissar Lannert in einem Sportwagen herumfährt und in seinem Anzug so elegant aussieht wie James Bond, während sein Partner in Jeans und brauner Mattlederjacke und mit verwuschelten Haaren wie ein später Junggeselle wirkt. Seit ihrem ersten gemeinsamen Film verbindet man mit diesen charismatischen Figuren die Hoffnung, dass ihnen der eine große, deutsche Thriller gelingen wird, der Tom Tykwers "The International" mit den Bourne-Filmen zusammenführt, zum Beispiel. Richy Müller kann es. Felix Klare kann es fast. Zoltan Spirandelli kann es. Nun muss nur noch das Drehbuch geschrieben werden.

Montag , ARD, 20.15 Uhr.