Konzert

Die Klassiker verschwinden unter der Plüschdecke

Erst einmal setzen sie Beethoven und Mozart in die dicken Polstersessel. Sie sollen es schön warm und gemütlich haben, die alten Klassiker. Die Musiker der Staatskapelle nähern sich ehrfürchtig, breiten ihre herrliche Samtdecke über den Komponisten aus. Nur Lang Lang, der fröhliche Irrwisch, zupft Beethoven und Mozart hin und wieder am Ohrläppchen.

Richtig glücklich können die beiden Klassiker in ihrer Plüschecke nicht werden. Dabei klingen ihre Quintette für vier Bläser und Klavier bei den Festtagen ganz edel. Man könnte sich einfach betören lassen vom sinnlichen Klang der Instrumente. Gregor Witt (Oboe), Matthias Glander (Klarinette), Hans-Jürgen Krumstroh (Horn) und Ingo Reuter (Fagott) sitzen hauptberuflich gemeinsam in der Staatskapelle und sind wunderbar aufeinander eingespielt. Sie lieben es, die in die Breite gehenden, quasi-sinfonischen Aspekte der beiden Quintette behäbig und getragen herauszublasen. Ihre kammermusikalische Konversation ist höchst gepflegt, aber nicht wirklich anregend.

Lang Lang ist ihnen immer um ein paar Farbnuancen voraus, setzt interessante Akzente, spielt hier etwas spritziger, da ein bisschen leichter und gefühlvoller. Das gilt nicht nur für das Beethoven-Quintett, wo er die Führung übernehmen darf, sondern auch für Mozarts Werk, wo er sich eigentlich unter gleichwertigen Partnern befinden sollte.

Ein typisches Lang-Lang-Event war das nicht in der Philharmonie. Es ging um Kammermusik, um die erste und die zweite Wiener Schule, vor allem um Alban Berg. Seine Klaviersonate op.1 von 1908 steckt noch tief in der Spätromantik, will ihre Fühler aber schon machtvoll nach der Moderne ausstrecken. Lang Lang richtet sich nicht bequem im eleganten Salonton ein. In dem Stück des 23-Jährigen sucht er das Drängende, Expressive, den Aufbruch ins gerade erst beginnende Jahrhundert.

Noch aufregender gelangen Alban Bergs Vier Stücke für Klarinette und Klavier, diese genialen Aphorismen, in denen die Interpreten all ihre Verführungskünste spielen lassen können. Hier endlich führten Matthias Glander und Lang Lang einen wirklichen Dialog. Sie lasen einander die Töne von Händen und Lippen ab. Mit Charme und Humor ließen sie die flüchtigen Traumgestalten lebendig werden. Am Ende bekam Lang Lang schließlich die meisten Blumen und wedelte am fröhlichsten mit ihnen herum. Trotzdem war der eigenwillige Wiener Abend gleichzeitig mehr und weniger als das, was die Fans erwartet hatten.