Kyoto-Tagebuch

Ein Atomkraftwerk auf dem Silbertablett

Als ich mich nach wochenlangem Zögern endgültig entschlossen hatte, das Stipendium in Kyoto wie geplant anzunehmen, überreichte mir mein Nachbar auf einem Silbertablett ein Atomkraftwerk. Stellt man Teelichter hinein, strahlt es.

Er hatte es vor dreißig Jahren getöpfert und ich bin mir sicher, dass Kreuzberg der einzige Ort auf der Welt ist, an dem man solch ein Geschenk bekommt. Ich freute mich tatsächlich. Ich freute mich über jeden noch so schlechten Witz zu dem Thema. Über einen Monat hatte ich über kaum etwas anderes gesprochen. Alle um mich herum waren plötzlich Experten, wenn es um AKWs, Strahlung, Japan und überhaupt das Ende der Welt ging. Schon nach der Sicherheitskontrolle in Tegel geht es mir deutlich besser, endlich Stille. Nur in meinem Kopf noch Worte wie Nachbeben, Kernschmelze, Mutationen, Schilddrüsenkrebs. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich, ich wäre vierzig Jahre älter.

Das Flugzeug nach Osaka ist halbleer, ein knappes Dutzend Europäer an Bord, der Rest Japaner. Offensichtlich setzt die Fluggesellschaft auf dieser Strecke Maschinen ein, die kurz vor der Verschrottung stehen. Aus meiner Armlehne baumelt das Bedienelement für den Fernseher, beim Start knirscht die Decke wie altes Parkett. Als ich die Streckeninfo am Bildschirm einstellen möchte, hängt sich das System auf. Auf den Toiletten liegen die Leitungen frei, im Gang davor hängen noch Aschenbecher an der Wand. Wie absurd es wäre, jetzt abzustürzen. Da machen sich alle Sorgen, dass ich mit irgendwelchen Tumoren zurückkomme, die frühestens in fünf bis zehn Jahren offenkundig würden, und dann überlebe ich nicht mal den Flug.

Nach elf schlaflosen Stunden kann ich kaum glauben, dass diese Maschine tatsächlich landet. Der Flughafen Osaka/Kansai wirkt ausgestorben. Eine unangenehme Begleiterscheinung von ausgestorbenen Flughäfen sind gelangweilte Mitarbeiter. Am Zoll nehmen sie mein gesamtes Gepäck auseinander. Man hatte mir gesagt, es sei jetzt ganz besonders wichtig, dass ich komme. Da war viel von Solidarität die Rede, zeigen, dass das Leben weitergeht, die Japaner nicht im Stich lassen. Ich überlege, dem Beamten zu sagen, dass ich nur hier bin, damit er weiß, dass das Leben weitergeht, ich aber trotzdem nicht will, dass er alle meine Unterhosen in die Luft hält. So war das nämlich nicht gemeint, so ist Solidarität ja nie gemeint. Das nächste Mal zünde ich eine Kerze an, schalte für eine Stunde den Strom ab oder lese vor einem deutschen Atomkraftwerk.

Endlich im Goethe-Institut in Kyoto angekommen werde ich dem Team vorgestellt. Wenn mich nicht alles täuscht, die freuen sich wirklich. Es gibt zahllose Verbeugungen und dazu wird die ganze Zeit gekichert. Ich bin seit 26 Stunden wach und kann auch nur noch kichern. Zwei Stunden später stehe ich allein in meinem Apartment. Der Herd kann sprechen, leider nur japanisch und leider weiß ich nicht, wie ich das wieder abstellen kann. Genauso wenig weiß ich, wie man die Temperatur der Klobrille reduziert. An der Wand hängt das Menü: verschiedene Bideteinstellungen, Wasserdruck. Am Klo selbst diverse Knöpfe und Leuchtanzeigen. Ich bin aus der Vergangenheit angereist oder aus einem Entwicklungsland, ich muss mich sofort hinlegen.

Vollkommen ermattet liege ich vor dem riesigen Flachbildfernseher und sehe NHK, den größten Sender des Landes. Stromsparen ist der neueste Trend. Von einer neuen Zeit ist die Rede, in der sich die Familie in dem einzig klimatisierten Raum trifft. Change your lifestyle! ruft der Moderator und schaltet rüber zum Baseball.

Die Schriftstellerin Lucy Fricke lebt in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin des Goethe-Instituts in Kyoto. Sie schreibt jeden Sonnabend über ihr Gastland.