Theater

Das Gute siegt, aber der Gute wird gehängt

Am Ende obsiegt das Gute. John Proctor knickt nicht ein. Er zerreißt sein Geständnis, mit dem Teufel paktiert zu haben, und wirft die Papierfetzen effektvoll in das kleine Bühnenfeuerchen. Philipp Mauritz als Proctor lässt die Hände zittern, seine Stimme drängt ins Crescendo.

Bei diesem Finale im Hans Otto Theater in Potsdam sollen wir mit emporgerissen werden von diesem Mann, der nun aufrecht und in Würde in den Tod geht, statt sich als Hexer zu outen.

Arthur Millers Stück "Hexenjagd" wurde 1953 in New York uraufgeführt, zur Hochzeit des McCarthyism in den USA. Die Hysterie der Hexenverfolgung im puritanischen Neu-England von 1692, die Miller zum Vorbild dienten, spiegelte die kommunistischen Hetzjagden des republikanischen Senators aus Wisconsin. In beiden Fällen konnten die Angeklagten sich dem Schlimmsten entziehen, indem sie andere ans Messer lieferten.

Statt zu aktualisieren vertraut der Regisseur Ingo Berk ganz auf die Assoziationskraft des Publikums und belässt Millers Stück, in dem allein die Zeugnisse des "Behext-Seins" einiger junger Mädchen ausreichen, um Angeklagte an den Galgen zu liefern, in leicht anhistorisiertem Setting (Bühne und Kostüme: Magda Willi). Hier trägt man züchtig schlichte Kleidchen und streng gescheitelte Frisuren.

Doch spätestens in den Gerichtsszenen, in denen sich die vier jungen Frauen unter Führung von Nele Jung als Hauptintrigantin Abigail auf der Bühne krümmen und ducken und in die leere Luft zeigen, von wo ihre Gefährtin Mary Warren (Friederike Walke) angeblich als riesiger Vogel die Krallen nach ihnen ausstreckt, gelangt die Überzeugungskraft dieses Theaters an ihre Grenzen. Die Szene wirkt unfreiwillig komisch. Aber man lacht hier, leider, nicht vornehmlich über die Richter, die diesem Hokuspokus auf den Leim gehen, sondern über eine Inszenierung, die es nicht vermag, einer solchen Szene den nötigen Glaubwürdigkeitsboden zu bereiten.

Das liegt nicht nur an einer mitunter allzu verknappten Textfassung, sondern auch an einem Schauspiel, das auf die großen Wallungsmomente hin inszeniert ist. Die beiden Hauptfiguren sind eindimensionaler angelegt als nötig. Abigails Leidenschaft für ihren ehemaligen Dienstherrn Proctor und ihr Verletzt-Sein durch seine Abweisung, das die irrwitzigen Beschuldigungen erst so richtig aufpeitscht, erhält kaum Raum. Und die erotische Verwirrung, in der sich Proctor angesichts seiner ehemaligen Geliebten immer noch befindet, ist nahezu komplett gestrichen. Marianna Linden als seine Ehefrau Elizabeth, Roland Kuchenbuch als der alte Giles Corey oder Jan Dose als Reverend John Hale überzeugen da mehr. Berk will die Zuschauer in den Bann ziehen, bietet allerdings ein Einfühltheater mit Lücken, sodass man als Zuschauer gar nicht erst in einen Sog gerät.

Hans Otto Theater , Schiffbauergasse 11, Potsdam. Tel. 0331-98118. Termine: 23.4; 9.5.