Film

Die Zeit der Märchen ist vorbei

Er nimmt einen Stift in die Hand und lässt ihn während des ganzen Gesprächs nicht mehr los. Als müsse er ständig etwas zeichnen. Oder gewappnet sein, falls ihm spontan eine Idee kommt. Andreas Deja ist der deutsche Chefzeichner bei Walt Disney.

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der 54-Jährige in Burbank, Kalifornien, beim aktuellen Trickfilm "Winnie Puuh" hat er den Tigger gestaltet. Nach Deutschland kommt Deja regelmäßig, er hat engen Kontakt zu seinen Schwestern, die ihm ständig Kreuzworträtsel schicken - noch eine Leidenschaft, auch was für den Stift. Peter Zander hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Mal ehrlich, was kannten Sie zuerst: die Bücher oder den alten Disney-Film von "Pu der Bär"?

Andreas Deja: Ich gebe es zu, ich kannte den Film vor den Büchern.

Berliner Morgenpost: Sie haben bei "Winnie Puuh" die Figur des Tigger gestaltet und mussten sich dabei an den 35 Jahre alten Filmvorläufer halten. Ist das weniger herausfordernd, als wenn man einen neuen, eigenen Charakter bildet?

Andreas Deja: Tigger wurde damals von Milton Kahl geschaffen. Das war ein Meister des Trickfilms, einer meiner absoluten Idole. Dem gerecht zu werden, dass war schon eine eigene Herausforderung.

Berliner Morgenpost: Sie waren der erste Deutsche, der als Trickfilmer nach Hollywood zog. Unser Mann bei Disney, sozusagen?

Andreas Deja: Vor einigen Jahren gab es noch Hans Bacher, der war Art Director bei "Mulan", ist aber jetzt Professor in Singapur. Und dann gibt es noch einen, der kommt und geht bei Disney, Andreas Wessel-Therhorn. Aber im Augenblick bin ich, wieder mal, der einzige Deutsche bei Disney.

Berliner Morgenpost: Sie haben mit zehn Jahren "Das Dschungelbuch" gesehen und sollen sich gleich danach bei Disney beworben haben. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Andreas Deja: Doch, doch, das war schon so. "Das Dschungelbuch" hat mich einfach umgehauen, danach wusste ich, das will ich mal machen, wenn ich groß bin.

Berliner Morgenpost: Man will als Kind auch Astronaut oder Filmstar werden. Aber die wenigsten werden das dann später.

Andreas Deja: Ich war vielleicht ehrgeiziger. Ich habe damals einen Brief geschrieben, mit einem Englischlehrer zusammen, ich konnte ja noch kein Englisch. Und die haben auch wirklich geantwortet. Der Haupttipp war: Wenn du ernsthaft interessiert bist, schick uns bitte keine Zeichnungen von Micky Maus oder Pluto; das tun alle. Lern erst mal alles, Tier- und Aktzeichnungen. Das habe ich furchtbar ernst genommen. Schon ganz früh belegte ich einen Kurs für Aktzeichnen; wegen der Tiere musste ich in den Zoo; dafür gab es keine Kurse.

Berliner Morgenpost: Dann bewarben Sie sich wieder.

Andreas Deja: Erst mal habe ich studiert. Auf der Folkwangschule in Essen.

Berliner Morgenpost: Und da gab es eine Trickabteilung?

Andreas Deja: Ich bitte Sie, wir sprechen von den 70er Jahren. Animation gab es natürlich nicht. Aber alle künstlerischen Bereiche. Animation musste ich mir selber beibringen, zuhause in meiner Studentenbude. Mit kleinen Super-8-Filmen. Das war noch vor Video. Ich habe dann brav zu Ende studiert. Aber im Juli 1980 hörte ich auf und im August fing ich bei Disney an.

Berliner Morgenpost: "Nine Old Men" hießen im Studio jene legendären Zeichner, die noch mit Disney gearbeitet hatten. Heute zählen Sie zu den "Nine New Men", quasi zu den neuen Alten. Macht das alt?

Andreas Deja: Nein, was einen wirklich alt macht, sind Studenten, die sagen: Oh, ich wurde mit Ihren Filmen groß. Das sind dann Sachen wie "Die Schöne und das Biest", da waren die Studenten also noch Kinder. Das beste Kompliment bekam ich mal von einer jungen Frau: "Danke, dass Sie meine Kindheit gemalt haben." Das hatte ich so verknappt noch nie gehört, das ging mir richtig nah.

Berliner Morgenpost: Berühmt wurden Sie mit Ihren Bösewichtern: Gaston in "Die Schöne und das Biest", Jafar in "Aladdin" und Scar in "König der Löwen". In Hollywood müssen die Deutschen immer die Schurken spielen, gilt das Klischee bis in den Trickfilm hinein?

Andreas Deja: Nein, damit hat das wirklich nichts zu tun. Es ist doch so: Wenn du bei etwas Erfolg hast, musst du das fortan immer tun. Ich habe das aber gern getan. Die Bösen sind auch für uns Trickfilmzeichner sehr ausdrucksreich. Nach dem Löwen Scar dachte ich, jetzt wird es Zeit für etwas anderes. Bei "Hercules" sollte ich den Hades gestalten. Klar: der Gott der Unterwelt. Da habe ich fast gebettelt: Könnte ich nicht den Hercules machen? Und damit war ich bei den Guten. Wobei: Jetzt ist es fast wieder an der Zeit, dass ich zurück möchte.

Berliner Morgenpost: Wie dürfen wir uns das vorstellen: Alle Zeichner sagen bei einem neuen Projekt, wen sie am liebsten gestalten wollen? Da gibt es kein Hauen und Stechen?

Andreas Deja: Nein, das arrangiert sich meist. Ich habe jedenfalls immer die Figur bekommen, die ich wollte. Bis auf einmal. Beim "Glöckner von Notre Dame" wollte ich gern die Esmeralda zeichnen. Das war das einzige Mal, wo die Regisseure sagten: Nein, die ist schon vergeben. Stattdessen sollte ich den Frollo kriegen. Aber das wäre wieder der Bösewicht gewesen. Letztlich habe ich am "Glöckner" dann gar nicht gearbeitet.

Berliner Morgenpost: Disney galt einst als Synonym für den Zeichentrickfilm. Aber dann hat das Studio nur noch auf Computeranimation gesetzt. Zwei Jahre lang war die Pinsel-Abteilung sogar komplett geschlossen.

Andreas Deja: Ja, da war tote Hose für uns. Ich war eine Weile auch der letzte Trickfilmzeichner, der sich weigerte, seinen Zeichentisch gegen eine Computerkonsole zu ersetzen. Da dachte ich, das war's jetzt.

Berliner Morgenpost: Haben Sie für solche Fälle denn einen Plan B?

Andreas Deja: Ich hätte weiterhin Kurzfilme gemacht. Das ist immer mein Plan B.

Berliner Morgenpost: Aber dann gab es mit John Lasseter einen Managerwechsel. Ist das nicht Ironie: Ausgerechnet Lasseter, der wie kein Zweiter für Computeranimation steht, gab wieder grünes Licht für Zeichentrickfilme?

Andreas Deja: Er liebt die Filme eben auch. Das einzig Wichtige für ihn ist: Story, Story, Story. Wie wir das dann umsetzen - Zeichentrick, Computeranimation, Stopmotion -, die Frage ist sekundär. Wenn die Story nicht stimmt, kommt es auch auf das Format nicht an. So tickt er und das beinhaltet große Freiheiten.

Berliner Morgenpost: Der Trickfilm ist also gerettet?

Andreas Deja: In der großen Planung sieht es jedenfalls so aus, dass wir weiter Zeichentrickfilme machen. Vielleicht nicht in der Frequenz wie früher, wo es jedes Jahr einen neuen Film gab. Aber die Existenz ist gesichert.

Berliner Morgenpost: Ist der Rückgriff auf "Winnie Puuh" ein Gegensignal, sozusagen zurück zu den Wurzeln?

Andreas Deja: Als Tendenz würde ich das nicht sehen. Unsere Aufgabe ist eher, eine Linkskurve zu machen. Nämlich was anderes. Keine Märchen mehr wie "Rapunzel", keine Adaptionen von berühmten Kinderbüchern.

Berliner Morgenpost: Sie erzählen uns jetzt keine Märchen mehr?

Andreas Deja: Märchen sind jetzt wirklich vom Tisch.